Stuttgarter Auslese

Bereits beim ersten Betreten der Wohnung schlägt uns sehr feuchte Luft entgegen. Die Scheiben sind beschlagen, Wasser rinnt herunter. Erstmal Fenster auf! Und umsehen. Denn die Einzimmer-Wohnung in Stuttgart habe ich blind von Berlin aus gemietet. Doch die Bilder gleichen nicht denen der Anzeige. Die Küche gleicht eher einem Müllhaufen. Streiche oder gleich rückwärts wieder raus? J und ich entscheiden uns fürs Streichen, das wird schon! Im Keller scheint sich ein Wasserschaden breit gemacht zu haben und einige Tage später stellt sich dann heraus, wo die Ursache liegt: in meiner Wohnung. Durch die Feiertage zwischen Weihnachten und Neujahr beginnt die Reparatur erst zwei drei Wochen später, Zeit genug, damit meine Wohnung feuchter und feuchter wird. Den Start in Stuttgart im Januar 2019 hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Doch der Job ist toll und das war ja schließlich auch der Grund, warum ich mich für das Abenteuer Stuttgart entschieden habe: ein super Projekt, inhaltlich spannend, auch wenn ein „altes“ Familienunternehmen ganz anders tickt, als mein alter Arbeitgeber, in der ich nur junge Kollegen hatte.

Ende Januar werden dann endlich die Trocknungsgeräte aufgestellt, allerdings bleibt neben drei Geräten und zwei Heizwänden in der kleinen Butze kein Platz mehr für mich. Auch wenn die Hausverwaltung das anders sieht und meine Bitte auf die Bereitstellung einer Ersatzunterkunft rigoros ablehnt. Immerhin lassen sich die Geräte ja abschalten … Umgeben von Schläuchen entscheide ich, auf einen Amoklauf zu verzichten und mir sofort und auf der Stelle eine andere Bleibe zu suchen. Ich finde zunächst einmal Unterschlupf in Esslingen und kämpfe weiter mit der Hausverwaltung, bis diese mir endlich zusichert, sie übernehme die Kosten für ein Hotel. Das Geld habe ich allerdings bis heute noch nicht erhalten …

Am 14. Februar kommt dann die nächste Überraschung. Mein neuer Arbeitgeber musste Insolvenz anmelden. Keine Ahnung wie es weitergeht. Abends entscheide ich mich nach einer Geschäftsreise und vor einem Wochenende in der alten Heimat diese eine Nacht in der Wohnung zu verbringen. Am nächsten Morgen steht meine Nachbarin völlig aufgelöst vor mir. „Was treiben Sie denn hier, verdammt noch mal. So eine laute Person habe ich im Leben noch nicht erlebt“. Nein, nicht die Trocknungsgeräte sind Stein des Anstoßes, sondern die Toilettenlüftung. „Dreimal war die letzte Nacht an!“ Und wie ich die Rolläden hoch- und runterziehe, das geht ja auch überhaupt nicht! Ich kann nur verwundert und perplex mit dem Kopf schütteln. Als laute Person hat mich noch nie jemand bezeichnet. An jeder Ecke scheint mir Stuttgart entgegenzuschreien, dass ich nicht erwünscht bin, und so fühle ich mich dann auch.

Immer mehr ziehe ich mich zurück, zwar sind die Trocknungsgeräte inzwischen weg, aber das Laminat muss noch komplett raus. Bis das neue verlegt ist, darf ich mir keine Möbel anschaffen. Bis es soweit ist, vergehen noch zahlreiche telefonatische Auseinandersetzungen mit der Hausverwaltung und einige weitere Monate. Noch nie in meinem Leben war ich so wütend und hab mich gleichzeitig so hilflos gefühlt. Die Erkenntnis, erstmalig im Leben gescheitert zu sein, verfestigt sich mehr und mehr. Stuttgart und ich passen einfach nicht zusammen. Ich entscheide mich dazu, die Wohnung zu kündigen und den Rückzug nach Berlin anzutreten. Es folgt die nächste Ernüchterung, ob ich denn in der Bankeinzugsermächtigung nicht gesehen hätte, dass eine Mindestmietzeit von 15 Monaten vereinbart wäre? Den Mietvertrag hatte ich mir sehr gründlich angesehen, die Einzugsermächtigung dann nicht mehr. Habe ich bisher immer sehr großes Vertrauen in die Menschen gehabt, bröckelt dies zusehends in sich zusammen. Ich mag nicht mehr und erkenne mich teilweise selbst nicht wieder.

Als ich meinem Chef von meinem Entschluss erzähle, ist er sehr verständnisvoll. Unser Projekt hat trotz der Insolvenz in den letzten Wochen immer mehr Fahrt aufgenommen und scheint so etwas wie ein Juwel für den möglichen neuen Investor zu sein. Ein Projekt, damit die Firma auch für die nächsten Jahre gut aufgestellt ist. Ich habe selbst großes Herzblut und es fällt mir sehr schwer, den Job ziehen zu lassen, aber mein Glück in Stuttgart zu finden, scheint nicht möglich zu sein.

Doch weit gefehlt, zwei Tage später zeichnet sich eine Lösung ab, ich darf ins Homeoffice nach Berlin! Ich kann mein Glück nicht fassen und das wird auch noch eine Weile so bleiben!

Nach Ausflügen in die Stuttgarter Umgebung stand mir nur selten der Sinn, zumal ich jedes mögliche Wochenende die Flucht ergriffen habe. Sehenswert ist aber sicherlich der Birkenkopf und der Blaustrümpflerweg. Ersterer wegen der tollen Aussicht und der imposanten Trümmer, um die man den Berg nach dem zweiten Weltkrieg weiter erhöht hat und zweiterer wegen der schönen Ausblicke, die man rund um Stuttgart zu bieten bekommt.

Ich für meinem Teil bin froh, meinen Platz wieder gefunden zu haben und schätze nun auch die Seiten an Berlin, die ich vorher abgetan habe. Diesem Zitat ist wohl nichts hinzuzufügen:

„DIE BERLINER SIND UNFREUNDLICH UND RÜCKSICHTSLOS, RUPPIG UND RECHTHABERISCH, BERLIN IST ABSTOSSEND, LAUT, DRECKIG UND GRAU, BAUSTELLEN UND VERSTOPFTE STRASSEN, WO MAN GEHT UND STEHT – ABER MIR TUN ALLE MENSCHEN LEID, DIE NICHT HIER LEBEN KÖNNEN!“

– Anneliese Bödecker –

 

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