Workout: Wanderweg E5: Oberstdorf – Bozen September 2015

6. September

Oberstdorf – Kemptner Hütte

Gehzeit: 4:30

↑1050

Nachdem ich gestern noch vollkommen k.o. von einer Firmenfeier mit viel zu wenig Schlaf in Oberstdorf angereist war, ging es sehr früh ins Bett. Dafür geht es heute früher los, auch wenn es nieselt.  Schon nach wenigen Kilometern überkommt mich ein totales Glücksgefühl, tiefe Dankbarkeit darüber, dass ich endlich diesen Weg gehe, den ich schon so lange gehen will. Seit Jahren denke ich darüber nach – allein oder mit Begleitung – und wenn ja, mit wem? Irgendwann war mir klar, dass ich allein gehen möchte, und wenn ich es jetzt nicht tue, mache ich es nie.

Nach den ersten zwei Stunden in Spielmannsau gönne ich mir noch einen Tee, bevor ich den Aufstieg zur Kemptner Hütte in Angriff nehme. Leider wird das Wetter nicht besser. Das macht die ausgesetzten Steige nicht leichter. Und mir begegnen nur wenig Wanderer heute. Der Regen wird immer stärker, nach ein paar wackeligen Holzbrücken geht es direkt an einer Felswand entlang, von der immer wieder kleinere Wasserfälle herunterkommen. Als einmal kurz die Sonne rauskommt, gelingt es mir, eine Minipause einzulegen. Ich genieße die Landschaft um mich herum und versuche langsam in meiner Reise anzukommen. Die Berge sind gepudert vom Neuschnee der letzten Nacht. Doch schnell setzt der Regen wieder ein. Zum Glück kommt die Hütte früher als erwartet in Sicht, es ist noch nicht mal 14 Uhr! Aber egal, die erste Etappe ist geschafft – trotz Regen und Neuschnee. Auf der Hütte lerne ich noch andere Wanderer kennen und wir vertreiben uns die Zeit mit Scrabble. Und für den morgigen Tag suche ich mir gleich ein paar sympathische Menschen, denen ich mich für den nächsten Tag anschließen kann. Ein schöner Start!

Übernachtung: Kemptner Hütte

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7. September

Kemptner Hütte – Stockach

Gehzeit: 4:00

Die erste Nacht in einer Hütte, ohne das Zimmer für sich allein zu haben, ist dann doch von wesentlich weniger Schlaf geprägt als üblich. Ich bin trotzdem fit und treffe meine Vierergruppe beim Frühstück. Und Wahnsinn, was hier los ist, ganz viele Wanderer und größere Gruppen sind schon längst losgezogen. Sonst war doch ich immer die Erste! Diese Zeiten sind vorbei. Die anderen Wanderer scheinen ja heute alle noch größeres vor zu haben, als ich mit meinen bescheidenen 4 Stunden Gehzeit!

Kurz hinter der Hütte erreichen wir erreichen die Grenze zu Österreich. Der Aufstieg zum Mädelejoch ist überhaupt nicht schwer und auch der Neuschnee stellt kein Problem dar. Kurz darauf entdecken wir eine ganze Gruppe Gemsen. Das ist schon sehr beeindruckend, wie flink die an einer Felswand agieren, kein Vergleich zu mir, die immer noch gehörigen Respekt vor den Bergen hat. Der nun folgende Abstieg ist wunderschön, schnell verschwinden die Schneereste und machen einer dunkelgrünen Landschaft Platz, in der die Felsen mächtig in den Himmel thronen. Bei einer Gabelung entscheidet sich die Gruppe für den direkten Weg nach Holzgau, ich möchte mir jedoch die Variante mit der längsten Hängebrücke Österreichs nicht entgehen lassen und unsere Wege trennen sich bereits wieder. Schade! Doch die Hängebrücke ist in der Tat beeindruckend. Ein älterer Mann mit Schnappatmung kommt mir gerade entgegen, für den war es eine sichtliche Überwindung. Ich habe zwar auch ein wenig Respekt, zumal die Brücke tüchtig wackelt, aber ich fühle mich sicherer als auf den paar Holzbücken von gestern.

In Holzgau sehe ich dann die zahlreichen Wandergruppen, die den Weg zum nächsten Aufstieg motorisiert zurücklegen. Ich gehe zu Fuß weiter und erreiche schon früh meine Unterkunft in Stockach.

Übernachtung: Gästehaus Petra

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8. September 2015

Stockach – Memminger Hütte

Gehzeit: 5:15

Nach einem tollen Frühstück und schon ordentlich Muskelkater in den Beinen geht es los. Zunächst eben. Auch wenn es hier nicht so spektakulär wie oben auf den Bergen ist, genieße ich den Weg und ich erlebe mein zweites totales Glücksgefühl. Und auch Stolz, dass ich es tatsächlich wage, mir diese mächtigen Berge vorzunehmen. Und bei dem langsamen Aufstieg ist das Panorama grandios. Der eigentliche Aufstieg beginnt wieder über eine wackelige Brücke über den Parseierbach, mit dem ausdrücklichen Hinweis „Betreten auf eigene Gefahr“ . Der Weg ist ziemlich glitschig, aber mit meinen Wanderstöcken geht es prima. Nach ein paar 100 Höhenmetern ist ein toller Wasserfall zu sehen. Und drum herum eine sattgrüne Landschaft umgeben von eindrucksvollen Bergen. Ich mache eine wunderschöne Pause inmitten einer bunt blühenden Almwiese. Die Memminger Hütte taucht schneller auf als erwartet (inzwischen kenne ich das ja schon), und ich muss bei den letzten Metern immer wieder anhalten, der Anblick ist einfach zu atemberaubend. Wie in einem gewaltigen Kessel erheben sich die Berge rundherum, einfach nur wunderschön und mächtig. Rund herum gibt es Murmeltiere und Steinböcke zu bestaunen.

Die Hütte abends ist rappelzappelvoll, zusätzliche Zelte sorgen aber dafür, dass auch beim Abendessen jeder einen Platz bekommt.

Übernachtung: Memminger Hütte

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9. September 2015

Memminger Hütte – Zams, Venetgipfelhütte

Gehzeit: 6:00

Die Hüttennacht war ein wenig durchwachsen. So richtig meins ist das nicht, sich mit fremden Menschen Schlafplatz und Bad zu teilen. Heute steht die bislang schwerste Etappe auf dem Plan. Kurz nach halb acht bin ich schon bereit, mich auf die „Piste“ zu begeben. Es geht einen ziemlichen knackigen und zugleich auch rutschigen Anstieg hoch, in der Nacht es gefroren und so hat sich ein feiner Eisfilm auf dem Untergrund gebildet. Aber es sind wahre Menschenmassen unterwegs. Auch heute fällt es mir nicht schwer, Anschluss zu finden, zwei Mädels nehmen mich direkt unter ihre Obhut. Durch die vielen Gruppen dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis wir die Seescharte erreichen, immer wieder müssen wir stehen bleiben und darauf warten, dass es weitergeht. Wie am Mount Everest. Dann endlich kommt der schmale Felsdurchgang, durch den man sich zwängt. Die Aussicht von dort oben ist einfach nur toll. Über den Wolken blickt man in ein neues Tal, was man sich erwandert hat. Der anschließende steile Abstieg bietet im Geröll und Schutt leider nur wenig Halt, Mut zum Rutschen ist hier angesagt und immer schön in die Knie gehen, das kann ich mir bei einer der Wandergruppen abschauen. Doch der Weg auf die erste Alm entschädigt für alle Anstrengungen, es geht neben einem Bach und durch saftiges grün. Nach der 2. Alm graut es mir vor dem neuerlichen Abstieg, denn mein Wanderbuch sagt einen nicht enden wollenden und steilen Abstieg voraus, der in die Knochen geht. Irgenwann merke ich, dass der Abstieg zwar lang ist, aber dass ich das für mich schwierigste Stück dieser Etappe schon längst gemeistert habe, das war der geröllige Teil weiter oben. Und auch hier passen die zwei Mädels auf mich auf und schauen immer wieder, dass ich noch hinter ihnen laufe und dem Weg folge. Mit müden Beinen erreichen wir die erste Bank von Zams auf der wir verschnaufen. Ein älterer Mann bietet meinen Begleiterinnen nach einem kurzen Gespräch eine günstige Unterkunft für die Nacht an, die die beiden nicht ausschlagen und ich mache mich auf den Weg zur Seilbahn. Heute freue ich mich besonders auf meine Unterkunft, die Gipfelhütte in Venet, laut Internet ein echtes Highlight. Im Dorf werde ich von anderen Wanderern schon freundlich begrüßt, offensichtlich kennen die mich. Ich fühle mich geschmeichelt. Und die Unterkunft hält, was sie verspricht, es ist traumhaft! Ein großes Zimmer ganz für mich allein, mit Panoramafenster. Nach der Hüttennacht purer Luxus. Kurz darauf ziehen sich die Wolken auf dem Gipfel zu und auch ich kann nach einem anstrengenden Tag die Augen schließen und von den nächsten Bergen träumen.

Übernachtung: Venetgipfelhütte

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10. September

Venet-Gipfelhütte – Wenns

Gehzeit: 5:30

Als ich aufwache ist durch mein großes Panoramafenster nur Nebel zu sehen. Also lasse ich es entspannt angehen, zumal die Etappe heute nur mit etwas mehr als fünf Stunden Gehzeit angegeben ist. Beim Frühstück geht der Himmel dann ab und zu auf. Die meisten Mitwanderer sind schon längst unterwegs, so dass sich mein Weg zum Venetberg mal allein gestaltet. Ein inzwischen sehr ungewohnter Zustand. Doch in der Ferne entdecke ich zwei Gestalten. Ich wandere quasi durch die Wolken hindurch und auf einmal verstehe ich auch, warum Gewitter im Gebirge so gefährlich ist, man ist ja wirklich mittendrin, wenn es blitzt und donnert. Doch ein Gewitter ist zum Glück nicht absehbar, also gehe ich den Grat weiter entlang. Ich muss gestehen, dass ich nichts gegen ein wenig Begleitung hätte, ein wenig unheimlich mit dem ganzen Nebel um mich herum ist es schon und hin und wieder pfeift auch ein eisiger Wind. Bald geht es dann aber hinab und zwar über ein wunderschönes Heidefeld, auch wenn der Weg dann zunehmend nasser wird und schon bald eher einem Flusslauf ähnelt als einem Weg. So wird es eine kleine Schlammschlacht. In der Alm lege ich eine Pause ein und treffe auf die zwei Wanderer, mit denen ich dann zusammen den finalen Abstieg nach Wenns begehe. Der ist nun nicht schwer, ein breiter Waldweg, doch man merkt noch die vielen Abstiegsmeter vom gestrigen Tag in den Knochen. Wir treffen dann noch auf die Schulklasse, die mir ebenfalls schon seit Tagen immer wieder begegnet. Der Lehrer erzählt mir, dass auch die Klasse als morgiges Ziel die Braunschweiger Hütte hat. Prima, dann habe ich auch für den morgigen Tag ein paar bekannte Gesichter um mich rum. Den Nachmittag verbringe ich dann im Hostel, zumal es nun auch tüchtig regnet und hoffe, dass es da oben dann nicht alles als Neuschnee runterkommt.

Übernachtung: Hostel Rutsche

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11. September

Wenns – Braunschweiger Hütte

Gehzeit: 3:45

Auf diese Etappe freue ich mich sehr, geht es doch quasi in meine „Heimat“. Doch zunächst geht es mit dem gut gefüllten Bus nach Mittelberg. Der Wanderweg sieht dann zwar nicht steil aus, aber ich habe das Gefühl, dass ich kaum vorwärts komme.  Mich hängen alle Wandeer aus dem Bus erstmal direkt ab, doch das stört mich nicht, denn ich habe heute genug Zeit und muss mich nicht beeilen. Allerdings fühlen sich meine Beine heute sehr schwer und müde an, so richtig fit fühle ich mich nicht und lege einige Pausen mehr ein. Zunächst geht es zu einem Wasserfall über sehr großen Steinbrocken, dann folgt ein Stück, wo man die Seite an Felsblöcken zu Hilfe nehmen muss bevor man auf einen sehr großen Fahrtweg herauskommt, wo viele Baustellenfahrzeuge unterwegs sind. Das letzte Stück ist dann nochmal eine Herausforderung. Zum Glück sehe ich in der Ferne dann auch schon erste Wanderer. Habe ich die etwa wieder eingeholt??? Es geht erst einen schmalen Weg entlang, und immer wieder über seilversicherte Stellen. Und plötzlich erblicke ich den ersten Gletscher. Das ist schon sehr imposant und immer wieder bleibe ich stehen, um die Aussicht zu genießen. Kurz darauf kommt der zweite Gletscher und auch die Braunschweiger Hütte in mein Sichtfeld. Doch das letzte Stück heißt es für mich nochmal Zähne zusammenbeißen und ich bin dann doch froh, als ich den Gipfel erreicht habe. Zur Belohnung gibt es Apfelstrudel. Und in der Hütte verbringe ich einen sehr schönen Abend, finde Anschluss für die morgige Etappe und fühle mich sehr heimisch mit Eintrachschals und vielen Bildern aus meiner Heimatstadt. Morgen steht das Pitztaler Jöchl auf dem Plan und ich hab die Hosen ziemlich voll, doch der Hüttenwirt sagt mir, dass sei kein Problem. Glaube ich ihm mal.

Übernachtung: Braunschweiger Hütte

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12. September

Braunschweiger Hütte – Zwieselstein

Gehzeit: 5:30

Morgens bin ich die erste, die im Hüttenzimmer aufsteht. Mein Kreislauf mag noch nicht so wie ich, Frühstück geht irgendwie nicht. Einem älteren Mann, mit dem ich mich gestern im Bus unterhalten hatte, geht es nicht gut und er erkundigt sich, wie er nun schnell wieder ins Tal kommt. Die Höhe macht ihm wohl zu schaffen. Bei mir ist es wohl eine Kombination aus Höhe und Nervosität. Auf der Terrasse warte ich dann zur vereinbarten Zeit abmarschbereit auf meine Begleiter. Die lassen aber so lange auf sich warten, dass ich schon mal zwei Mädels hinterherstiefele, ich weiß ja, wie langsam ich bin, die Männer holen mich sicher bald ein. Das erste Stück geht über ein steiles Steinfeld. Bei der folgenden Durchschnaufpause hab ich gehörig Respekt, vor dem was da vor uns lag. Es sieht schon beeindruckend aus, wie die Menschen da direkt am Abhang langstiefeln, der Weg ist kaum auszumachen. Doch als ich selbst an der Stelle bin, ist es gar nicht so dramatisch, es gibt nur ein sehr kurzes ausgestelltes Stück, wo wir am Felsen langkraxeln müssen, der auch noch mit Schnee bedeckt ist. Doch als wir dann den Gipfel erreichen ist es umso schöner. Die Männer sind inzwischen auch da und wir schießen einige Fotos und klopfen uns gegenseitig auf die Schultern. Ich bin mega erleichtert, die schwierigste Stelle gemeistert zu haben, jetzt kann der Urlaub beginnen. Mit hochgehobenem Arm zeigt mein GPS dann auch 3000 Höhenmeter.

Der Abstieg geht wieder über ein Steinfeld und über Schneerestfelder. Man erreicht dann einen großen Parkplatz und hier muss ich mich von meinen Mitwanderern trennen, die ich trotz der kurzen Zeit tief in mein Herz geschlossen hab. Fast alle Wanderer nehmen hier den Weg Richtung Meran, ich jedoch gehe nach Bozen, bzw. erstmal ins Tal nach Zwieselstein. Einsam gestaltet sich nun mein weiterer Abstieg, aber ich bin doch sehr zufrieden und erfüllt von den erlebten Begegnungen und denke immer gern an den Hüttenabend zurück. Der Weg wird nach einer nicht so attraktiven Skipiste nun grüner, es geht über grüne Almen, heideartige Landschaft und am Ende noch durch einen Tannenwald. Heute will der Weg nicht enden, aber irgendwann erreiche ich dann endlich Zwieselstein und kann den Bus nach Sölden nehmen. Nach dieser ganzen Aufregung habe ich erstmal einen Ruhetag eingeplant.

Übernachtung: Haus Andre Arnold, Sölden

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14. September

Braunschweiger Hütte – Zwieselstein

Gehzeit: 6:30

Nach einem ereignislosen Ruhetag, den ich mit Seilbahnfahren und einem Schwimmbadbesuch verbracht habe, geht es nun Richtung Italien. Der heutige Wetterbericht hat Regen angesagt und schon beim aufstehen pladdert es ordentlich. Ich beginne mit einer Busfahrt nach Zwieselstein, als ich starte nieselt es nur noch. Wieder stehen auf dem ersten Aufstieg zwei Kühe im Weg, nach diesem Hindernis folgt dann ein wunderschöner Weg durch einen Rasenhang. Leider nur wird der Regen immer stärker und ein eisiger Wind pfeift mir um die Ohren. Als wir (inzwischen hab ich Begleitung von zwei Wanderern) die Poststraße kreuzen, kann ich kurz Pause in einer überdachten Box mit Informationen über Schmuggler machen. Noch liegen immer ca. 500 Höhenmeter zwischen mir und dem Timmelsjoch. Auch ein Regenbogen kann den Regen nicht aufhalten, es wird nasser und nasser. Als wir endlich oben ankommen, sieht man die Hand vor Augen kaum, so neblig ist es.  Es gibt eine Imbissbude, in der wir erstmal verschnaufen. Neben uns ist eine ganze Radtruppe dort. Ich könnte mit dem Bus weiterfahren, zumal ich inzwischen komplett nass und durchgefroren bin. Nur leider fährt der nächste Bus erst in drei Stunden. Doch dann fragt ein Begleitfahrzeug der Radtourengruppe, ob wir er uns Wanderer mit runter nehmen kann. Die zwei Mädels lehnen ab, ich nehme sehr dankbar an. Auf dem Weg runter im warmen Auto bin ich froh, es schüttet inzwischen wie aus Kübeln und die Sicht bleibt schlecht. Toll, dass da wieder jemand ist, der hilft, was habe ich doch für ein unfassbares Glück. An einem Abzweig nach Rabenstein (meinem heutigen Ziel) lässt er mich raus. Jetzt habe ich noch ca. 40 Minuten auf der Hauptstraße vor mir, aber es sind kaum Autos unterwegs. Mir fällt nur auf, dass ich leider bei dem schnellen Aufbruch meine Wanderstöcke hab liegen lassen.

Bereits kurz nach zwei komme ich in meiner vorgebuchten Unterkunft im Hotel Rabenstein an. Ich verbringe einen gemütlichen Nachmittag und nutze die Sauna zum Aufwärmen. Nach und nach klärt der Himmel wieder auf und die Wettervorhersage für den nächsten Tag schaut auch wieder viel besser aus. Rabenstein ist echt ein sehr schöner Ort, alles so grün und hügelig. Und das Abendessen mit vier Gängen lässt am Ende des Tages keine Wünsche mehr offen.

Übernachtung: Gasthof Rabenstein

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15. September

Rabenstein – Pfandler Alm

Gehzeit: 6:45

Heute steht mit fast sieben Stunden Gehzeit die vorerst längste Etappe auf dem Plan. Nach dem Wellnessaufenthalt in Rabenstein mache ich mich bereits viertel nach acht auf den Weg. Den nächsten Ort Moos erreiche ich sehr schnell, auch wenn mich ein wenig Sorge plagt, weil ich ja meine Wanderstöcke nun am Himmelsjoch hab liegen lassen. Aber der Weg ist gut zu gehen, allerdings nicht sehr schön, da an dem Bach fast ganze Stecke runter Bauarbeiten sind. Weiter geht es hoch nach Suls, zunächst durch einen wunderschönen Wald, in dem riesige und so noch nie gesehene Fliegenpilze direkt am Wegesrand zu bestaunen sind. Ich bin schwer beeindruckt. Der Wegweiser nach St. Leonard zeigt 1:40, laut meiner Rechnung bin ich dann um 11:40 im Ort, hab also vorher der Mittagspause  der Geschäfte noch Zeit, um mir neue Stöcke zu besorgen, denn noch steht eine mittelschwere Etappe in zwei Tagen an und ich hab hier schnell gemerkt, dass Stöcke Gold wert sind, entlasten sie doch ungemein. 20 Minuten später zeugt der nächste Wegweiser immer noch 1:40 an. So geht das dann leider weiter … In der Regel war ich immer schneller gelaufen, als die angegebene Zeit. Aber nicht heute …  Ich erreiche St. Leonard dann kurz nach zwölf und alle Geschäfte haben nun bis 15:00 geschlossen. Die knatternden Motorradhorden tragen nicht zur Besserung meiner Laune bei. Doch mit meiner schlechten Laune entdecke ich dann doch noch einen Supermarkt und kaufe dort einen Wanderstock für 10,– Euro. Immerhin.  Dann kann es ja endlich weitergehen, weg von der Straße und von den vielen Menschen. Im Pfeiftal gönne ich mir vor dem Aufstieg noch einen Kaffee und einen Apfelstrudel, der super lecker ist, aber nicht besonders hilfreich für den restlichen Weg. Immer wieder muss ich Pausen einlegen, weil er mir so schwer im Magen liegt. Aber am Ende des Tages komme ich bereits um 16 Uhr bei meiner Unterkunft an, eine urige Hütte mit Wildgehege. Die Hirsche röhren um die Wette und ich verbringe den Abend mit vier Schottten, einem Amerikaner und zwei Mädels. Inzwischen hat sich das Feld merklich gelichtet und es bietet sich die Gelegenheit, die Weggefährten besser kennenzulernen.

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16. September

Pfandler Alm – Hirzer Hütte

Gehzeit: 3:00

Heute geht es auf die Pfandler Alm. Schon kurz nach dem Frühstück beginnt es zu regnen, ich gehe als erste los, werde aber sehr bald vom Amerikaner Marc eingeholt, der mich dann bis zum Etappenziel begleitet. Er arbeitet für das amerikanische Regierungssystem und bei einer spannenden Unterhaltung ist es gleich weniger schlimm, dass es immer wieder regnet, stürmt und die Sicht zunehmend schlechter wird. Außer uns sind kaum Wanderer unterwegs. Als dann eine Hütte auftaucht, freuen wir uns auf eine gemütlich Pause, doch nix da, die Hütte ist rappelzappel voll. Schnell merke ich, dass die Seilbahn hier nicht weit entfernt sein kann, denn das Publikum hier oben ist nie im Leben hochgewandert. Wir ergattern noch einen Platz und gönnen und heiße Getränke. Dann steht das letzte Teilstück an, das aber sehr überschaubar ist und auf der Hirzer Hütte treffen wir auch alle anderen Mitwanderer wieder. Wir verbringen einen sehr gemütlichen Abend bevor es für uns alle in das Schlaflager unter das Dach geht, wo der Wind sprichwörtlich durch alle Luken pfeift, so dass ich trotz Fleecejacke friere und gefühlt sehr wenig Schlaf bekomme. Immer wieder denke ich: „Bei dem Wind kann ich doch morgen unmöglich weiterwandern zumal wieder eine sehr anspruchsvolle Etappe auf dem Plan steht.“

Übernachtung: Hirzer Hütte

 

17. September

Hirzer Hütte – Meraner Hütte

Gehzeit: 5:30

Doch am Morgen ist das Wetter nicht mehr ganz so schlimm. Und wir haben am gestrigen Abend noch eine Schlechtwettervariante gefunden, die ich heute nehmen werde.  Marc und Colin haben sich für die schwere Variante entschieden, ich starte zunächst allein, treffe aber schnell noch auf einen der anderen Wanderer, der vom unwirtlichen Hirzer auf dem Weg zur Seilbahn ist um ins Tal zu fahren, weil ihm das Wetter heute da oben definitiv zu schlecht ist. Als ich ihm von dem Schlechtwetterweg erzähle, freut er sich sehr, doch laufen zu können, da es auch sein letzter Tag ist. Der Weg ist sehr einfach zu laufen und da es ein Höhenweg ist auch ohne größere Steigungen. Und das Wetter ist auf dieser Höhe zunehmend besser. In der Nähe von der Mittelstation der Seilbahn trinken wir zum Abschied noch eine Apfelschorle, dann geht es für ihn hinunter und für mich hinauf, rund 600 Höhenmeter stehen noch zwischen mir und meinem heutigen Etappenziel. In einem Waldstück laufen mir vier Rehe über den Weg. Der anschließende Aufstieg ist dann zwar ziemlich steil, der Weg aber einfach. Und je höher ich komme, desto nebliger wird es. Das Stück am Ende zieht sich dann doch noch ein wenig, aber da habe ich die imposante Meraner Hütte zumindest schon im Blick. Als ich dort ankomme sind Marc und Colin schon da und genießen ihr wohlverdientes Bier. Ich bekomme ein Zwei-Bett-Zimmer ganz für mich allein und es gibt sogar Handtücher und Warmwasser auf dem Zimmer! Unerwarteter Luxus für eine Hüttenübernachtung. Doch damit nicht genug, abends gibt es ein leckeres Dreigängemenü und einen weiteren schönen Hüttenabend voller angeregter und lustiger Gespräche. Kugelrund und rundum zufrieden verbringe ich eine sehr erholsame Nacht.

Übernachtung: Meraner Hütte

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18. September

Meraner Hütte – Jenesien

Gehzeit: 5:30

Das Wetter ist auch morgens noch nicht besser. Zusammen mit der schottisch- amerikanischen Gruppe mache ich mich auf den Weg. Erst geht es ein paar Höhenmeter hinauf zum Kreuzjoch. Doch von einem imposanten Ausblick ist keine Spur zu sehen, nur Nebel und Wind. Marc und ich machen noch einen kurzen Abstecher zu den „Stoanernen Mandln“, wo unglaublich viele Steinmännchen aufgebaut sind. Danach geht es nur noch abwärts und das Wetter wird immer besser. Ab St. Jakob wird der Weg geradezu paradiesisch: satte Almwiesen mit ein paar Kühen und Haflingerpferden. Eine komplett idyllische Welt. Und auch der Weg ist paradiesisch, immer wieder machen wir kurz Halt um uns die Sagen am Wegesrand von Hexen, Teufeln und Liebschaften durchzulesen. Bereits um 14 Uhr erreiche ich dann schon meine Unterkunft und muss mich schweren Herzens von meinen Begleitern trennen, aber die Wanderung neigt sich für uns alle dem Ende entgegen. Begleitet vom Geschrei eines Esels gebe ich den Weggefährten noch das Versprechen ab, dass wir uns bald in den Bergen wiedersehen. Nachdem ich mir einen Kaffee in der Sonne gegönnt habe, mache ich mich noch auf den Weg nach Jenesien runter. Und auch hier ist die Landschaft wunderschön und der Blick auf die Dolomiten herrlich. Am Abend verspeise ich bereits wehmütig meine 3 Gänge.

 

19. September

Jenesien – Bozen

Gehzeit: 2:00

Am letzten Tag breche ich gegen halb neun auf. Das letzte Teilstück werde ich ebenfalls zu Fuß zurücklegen und die Seilbahn links liegen lassen. Mein Zug geht erst um 12:30, also hab ich genügend Zeit für ein „Cooldown“ dieser Tour. Außerdem ist allerschönstes Wanderwetter! Ich frage noch einen älteren Mann nach dem Weg, doch von seiner Antwort verstehe ich aufgrund des starken Dialekts kein Wort. Doch dann begegnen mir ein paar Speedhiker, die mich beruhigen, dass der Weg nach Bozen nicht weit, allerdings sehr steil ist. Bald erreiche ich die Burgruine Rabensein, die von Obst- und Weinfeldern umgeben ist. Und dann geht es wirklich steil eine Asphaltstraße hinunter, und obwohl es nicht nach oben geht, ist es doch einigermaßen anstrengend. Aber dafür genieße ich es in vollen Zügen, Bozen und somit mein endgültiges Ziel immer näher kommen zu sehen. In Bozen angekommen, macht sich dann ein großes Glücksgefühl breit. Auf einer Allee in Bozen grinse ich vor mich hin und bilde mir ein, bewundernde Blicke der Passanten zu bekommen. Bis mein Zug abfährt, shoppe ich noch leckere Spezialitäten, jetzt ist es ja wirklich egal, wie viel mein Rucksack wiegt. Beschwert mit Pistaziencreme, Trüffelsalz und diversen Kinder-Produkten, die es nur in Italien gibt, geht es dann zum Bahnhof.

Was mir immer in Erinnerung bleiben wird, ist die unglaubliche Hilfsbereitschaft der vielen Menschen, tolle Begegnungen, unvergessliche Hüttenabende und dass der Weg über die Alpen überhaupt nicht so schwer ist wie angenommen. Ich würde es jederzeit wieder tun!

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Takeshi sagt:

    Hallo Stefanie, das kommt mir alles sehr bekannt vor, samt Regen am Timmelsjoch und düsterem Wetter um die Hirzer Hütte. Danke für den Bericht, eine schöne Erinnerung an eine Reise, die schon etwas länger zurück liegt!

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    1. Danke Du liebe bewundernswerte Takeshi!

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