Einmal Papst, bitte! Mit dem Rad von Venedig bis Rom

21. September 2016

Lido – Adria 74,35km ↑86m ↓110m

Nach zwei sehr entspannten Tagen in Venedig und einem Radcheckup geht es nun Richtung Rom. Zunächst geht es am Meer entlang, über den Lido nach Süden und dann mit der Fähre weiter nach San Pietro. Und hier ist doch tatsächlich ein italienischer Tourenfahrer unterwegs! Da wir zusammen auf die Fähre warten, kommen wir schnell ins Gespräch und trinken einen Cappuccino zusammen. Er ist Richtung Mailand unterwegs und ich frage mehr als einmal, ob ich es richtig verstanden habe, dass er heute 170 Kilometer fahren möchte?! Für mich unvorstellbare Strecken für einen Tag. Als wir die zweite Insel erreichen, genieße ich die Ruhe hier, nach dem Trubel in Venedig das genaue Gegenteil und mindestens genauso schön. Statt Tourismus ist hier Fischerei die Haupteinnahmequelle. In Chioggia fährt Pepo schnell von dannen. Dieser Ort wird auch als die kleine Schwester Venedigs bezeichnet, allerdings fand ich Venedig mit seinen prächtigen Bauten schon deutlich eindrucksvoller. Ich muss jedoch zugeben, dass ich mir auch nicht ganz so viel Zeit nehme, um den Ort zu erkundigen. Durch das Warten und die Überfahrt mit der Fähre hab ich heute schon einiges an Zeit liegen lassen. Leider ist der Himmel ziemlich finster und bald fängt dann auch der Regen an. Mein Regensystem ist noch nicht ausgetüftelt, zwar hält die Radhose dicht, aber das ablaufende Wasser läuft direkt in meine Schuhe. In Loreo bin ich schon gegen kurz nach zwei, es hat aufgehört zu regnen und ich entschließe mich noch weiterzufahren, da das Hotel hier nicht so einladend aussieht. Bis Adria geht es über viele Felder. Zahlreiche Vogelarten sind hier heimisch, ich kann jedoch nur die Fasane identifizieren. In der Nähe eines Flusses sehe ich ganz viele imposante weiße Vögel, die ich aber nicht kenne. In Adria finde ich dann eine wunderschöne Unterkunft mitten in der Altstadt.

 

 

22. September

Adria – Comacchio

78,07 km ↑118m ↓131m

Morgens empfängt mich der durchaus attraktive Wirt mit einem wunderbaren Frühstück. Leider ist mein Gesicht wegen eines Mückenstiches geschwollen. Später im Zimmer entdecke ich dann noch, dass ich eine Socke in meiner Sandale verkehrt herum anhabe und als würde das nicht reichen, war auch mein Hosenstall noch offen. Einmal zum Volldeppen gemacht, dann kann der Tag ja starten. Aber zumindest das Wetter meint es heute gut mit mir und auch der Wind schiebt mich von hinten an. Erst geht es am Po-Delta entlang, immer oben auf dem Deich rollt es sich prima. Später dann über Felder. Vorher mache ich in Mesola am Castello Estense eine schöne Mittagspause in der Sonne. Besonders toll ist das Stück über den Lido di Volano. Oft kann man das Wasser allerdings nicht sehen, da die hohen Sträucher eine gute Deckung geben. Fotos kann ich auch nicht wirklich machen, weil ich mich auf einer Hauptstraße befinde und lieber in Bewegung bleibe. Weiter geht es an einem Kanal. Am Wegesrand liegen immer wieder tote und relativ große fellige Wesen, Biber sind nicht, vielleicht Otter? In San Giuseppe nehme ich noch einen Cappuccino als letzte Wegzehrung. In dem Café sind nur ältere Italiener, die mich misstrauisch mustern. Eine andere Reaktion als bisher, Radtouristen scheint es hier nicht häufig zu geben. Aber egal. Auch das letzte Stück rollt wie geschmiert, so dass ich bereits kurz nach drei an meinem für heute anvisierten Tagesziel angelangt bin. Den Nachmittag verbringe ich dann damit, den Ort kreuz und quer zu erkundigen und es ist wunderschön, schöner geht Italien wirklich nicht! Ich denke, die Bilder sprechen für sich. Und als Krönung gibt es abends noch in einem kleinen stilvollen schnuckeligen Restaurant Makkaroni mit Schalentieren. Lecker!

 

 

23. September

Comacchio – Ravenna

78,3 km ↑118m ↓92m

Ich bin heute früher wach, als es Frühstück gibt und muss noch bis 8 Uhr warten. Danach lässt man mich erneut warten, bis die Kellnerin die Garage aufschließt, in der ich mein Rad vermute. Das hatte mir gestern ein Mitarbeiter abgenommen. Doch die Garage ist leer, kein Rad zu sehen. Auf den grinsenden Gesichtsausdruck der Kellnerin kann ich nur sagen „That is not funny“. Mein Herz rutscht mir in die Radlerhose. Mitten in Italien ohne Rad. Aber dann geht die Kellnerin zur Nachbargarage, das Tor öffnet sich und ich erblicke voller Erleichterung mein Rad, alter Schwede,  das ist ein schöner Schreck gewesen. Zumindest bin ich jetzt wach, wenn auch leicht zittrig. Doch der Tag hat noch einige andere unangenehme Überraschungen heute für mich. Davon ahne ich nichts, als ich endlich bei bestem Wetter gegen neun Uhr aufbreche. Es geht direkt ans Wasser, zunächst hinter einen Deich und dann über einen Damm – rechts und links umgeben von Wasser. Sehr große schwarze und weiße imposante Vögel säumen meinen Weg. Ich versuche Fotos zu machen, aber immer, wenn ich näher komme, fliegen sie weg. Dann folgt eine Stelle, in der ich durch sehr dicke Spinnenweben hindurchfahre. Die hab ich nicht kommen sehen. Und solche Monsterweben habe ich noch nicht erlebt und kenne ich bisher nur aus der Geisterbahn oder von Gruselfilmen. Ich muss in der Tat anhalten um mich daraus zu befreien. Kaum stehe ich, werde ich von einem Schwarm Mücken attackiert, ach was, Horden! Es bleibt mir nichts anderes übrig, als weiter zu fahren, damit ich in Bewegung ein schwierigeres Ziel bilde. Aber mehr und mehr Mücken tauchen auf, überall! Ich nehme den Kopf runter und fahre konzentriert weiter. Es prasselt so richtig auf meinen Helm. Bloß nicht noch stürzen. Als ich denn Damm verlassen kann, sind die Mücken weiterhin zahlreich, aber zumindest kann ich jetzt schneller fahren, auch wenn ich weiterhin den Kopf gesenkt halten muss. Irgendwann hört das Prasseln endlich auf und ich kann anhalten, um mich und mein Rad von den Spinnweben und von den Mücken zu befreien. Noch immer tanzt ein kleinerer Schwarm um mich herum. Leider stelle ich auch fest, dass ich den Deckel meines Kameraobjektivs bei dieser Hetzjagd verloren habe und mir einen Kratzer auf der Linse eingefangen habe. Und bei dem Blick auf die Karte sehe ich den nächsten Damm durch das Wasser. 12 Kilometer!!! Ich mag das nicht nochmal erleben, aber es hilft ja nichts. Zum Glück erweist sich meine Sorge mal wieder als unbegründet. Statt Mücken kreist nur ein ganzes Geschwader Militärhubschrauber über meinen Kopf. Deren Geräusche tragen nicht zur Besserung meiner Laune bei. Die atemberaubende Natur um mich herum schon mehr. Grüne Wiesen und viel Wasser – ein wahres Vogelparadies. Eine Wegsperrung folgt, die muss ich umfahren, doch das klappt problemlos, immerhin. Als ich den nächsten Strand erreiche gibt es zur Ermunterung erstmal einen Cappuccino. Und beim letzten Wegstück werde ich mit einer asphaltierten Straße und ganz einfach rollenden Reifen bis Ravenna belohnt. Genügend Zeit zum bummeln und abends gibt es Risotto und Rotwein in einem sehr schönen Lokal.

 

24. September

Ravenna – Brisighella

59,89 km ↑267m ↓226m

Kurz vor neun kann ich heute starten, ich bin fest entschlossen um elf Uhr meine erste Cappuccino-Pause einzulegen. An dieses Ritual habe ich mich schnell gewöhnt, ein kleiner und in Italien immer günstiger Koffein- und Zuckerschub hilft mir bei der weiteren Fahrt. Doch ich entdecke keine Bar oder ein Café. Also gibt es in Reda eine Frühstückspause vor der Kirche. Die Bank ist so grün, dass ich mich lieber auf dem Bordstein niederlasse, um mein Marmeladentörtchen zu verspeisen. Bis Faenza ist es nun auch nicht mehr weit, und mein Koffeinjieper treibt mich an. Auf dem Weg dorthin fahre ich durch Wein-, Äpfel-, Kiwi- und Kaki-Felder. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Kiwi-Pflanze gesehen zu haben und muss mich beherrschen, mir nicht die ein oder andere Frucht zu stibizen. Nach der Pause in Faenza sind es nur noch 15 Kilometer bis zu meinem heutigen anvisierten Tagesziel. Und die sind atemberaubend schön! Die Berge kommen in Sicht, mich umgibt eine leuchtend bunte hügelige Landschaft und perfektes Wetter. Schon gegen 14 Uhr komme ich in Brisighella an. Ich spiele kurz mit dem Gedanken weiterzufahren. Aber dieser Ort ist einfach zu schön, um ihn direkt wieder zu verlassen. Also suche ich mir ein Quartier am Ortsrand, und schlendere den Nachmittag in der wunderschönen Altstadt und recherchiere am Bahnhof für die morgige Etappe schon mal die Zugverbindung. Denn es geht steil bergauf und ich bin noch nicht so sicher, ob ich das alles wirklich mit dem Rad bewältigen möchte. Der Zug fährt alle zwei Stunden und parallel zu meinem Weg, also kann ich jederzeit umsteigen, das sind beruhigende Aussichten für mich.

 

 

25. September

Brisighella – Borgo San Lorenzo

68,65 km ↑1129m ↓989m

Bäm della bäm! Ich bin die Etappe komplett gefahren, ohne Zug! Da das Wetter einfach zu schön war und zudem noch Sonntag (und somit auf den Straßen weniger Verkehr) ist es sonnenklar, dass ich erstmal mit dem Rad starte. Morgens mache ich noch einen kleine Fotorunde, da ich gestern nachmittag meine Kamera vergessen hatte. In der Stadt findet heute irgendein Lauf statt, zahlreiche Besucher und Banner säumen den Ort. Ich begebe mich auf den Weg und die Steigungen halten sich zunächst in sehr überschaubaren Grenzen. In Marradi lege ich eine erste Stärkungspause ein. Auf der Karte sehe ich schon, dass es nun mehr zur Sache gehen wird, denn die schwarzen Pfeile, die Steigungen anzeigen, werden dick. Der Autoverkehr ist wie erwartet sehr bescheiden, aber es sind heute Massen von Motorrädern unterwegs, na klar, Sonntag und bestes Ausflugswetter. Der Weg wird nun in der Tat anstrengend, ich lege drei Verschnaufpausen im Schatten von Bäumen ein, allerdings immer direkt neben der Straße, andere Pausenplätze sind nicht in Sicht. Die wunderschöne Landschaft um mich herum ist ein zusätzlicher Motivator. Als ich oben ankomme bin ich stolz und kaputt. In dem Lokal oben wimmelt es von Motorradfahrern, irgendwie kann ich mit niemanden einen wissenden Blick um die vollbrachte Anstrengung austauschen, wie ich das von meinen Bergtouren zu Fuß kenne. Schade. Ich trinke eine kalten Cola und freue mich auf die restlichen Kilometer des Tages, geht es doch nun immer schön bergab. Doch irgendwann zweigt der Weg von der Hauptstraße ab und wird hügelig, also hügelig im Sinne von „es geht hoch und runter“. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich wollte doch jetzt immer bergab fahren! Eine erneute Steigung zwingt mich zu einer Verschnauf- und Essenspause, ich brauche neue Energie, damit ich mein Tagesziel erreiche. Ich bin super glücklich, als ich endlich Luco Mugello erreiche. Die Frau in der Touristeninfo ist super freundlich und versucht zunächst euphorisch, mir eine kleine Wohnung zu organisieren, doch sie erreicht die Vermieterin nicht. Also suche ich das Hotel des Ortes auf. Sehr nett und mitten im Zentrum des Ortes. Abends gibt es für mich dann noch  ein 4-Gänge-Menü, Risotto, Leberpastete, Ravioli und Steak und als Nachtisch Kekse mit Eisschaum.

 

 

26. September 2016

Borgo San Lorenzo – Antella

46,75 km ↑722m ↓732m

Ich merke heute früh, dass mir der gestrige Tag noch ganz schön in den Beinen steckt. Nach dem Frühstück warten zunächst nebelverhangene Felder und dann auch direkt der nächste saftige Aufstieg auf mich. 13% Steigung, da wird für mich selbst das Schieben zur Qual. Als Belohnung gibt es einen Cappuccino mit traumhaftem Ausblick in Fiesole. Dieser Ort ist ein kleiner Geheimtipp, und wenn es nicht so früh wäre, würde ich glatt hierbleiben. Von oben herab schaut man schon auf Florenz und das mit sehr wenig Touristen. Vor zwei Jahren war ich bereits mal für einen Tagesausflug im Rahmen einer Toskana-Reise in Florenz, ich weiß also, was mich dort unter touristischen Gesichtspunkten erwartet. Doch zunächst folgt erstmal eine traumhafte Abfahrt. Leider kann ich wieder keine Fotos machen, da ich mich auf einer Hauptstraße befinde, aber ich speichere die Bilder dafür tief in meinem Kopf. In Florenz sind dann auch dementsprechend viele Menschen unterwegs, ich schieße ein paar Fotos von den Hauptsehenswürdigkeiten, halte mich aber nicht lange in der Stadt auf. Ich will ja noch weiter. Nachdem ich die Stadt hinter mir gelassen habe, mache ich erstmal eine gemütliche Essenspause. Dann geht es wieder steil bergauf und ich merke alle Höhenmeter von gestern in meinen Beinen. Ich gestehe mir ein, da geht heute nicht mehr viel. Dazu kommen noch sehr schlechte Wege, ein Ackerweg mit tiefen Furchen von landwirtschaftlichem Verkehr und größeren Steinen lässt mich selbst bergab schieben, nicht gerade förderlich für meine weitere Motivation. Motivierend ist jedoch die Landschaft, wenn es schon anstrengend, schweißtreibend und mitunter frustrierend ist, weil ich einfach nicht vorwärts komme, so habe ich doch immer einen wunderschönen Ausblick. Immer mehr Olivenbäume umgeben mich und es wird ländlicher und ländlicher, von dem Trubel der Großstadt scheine ich nun weit entfernt zu sein. Ich bin trotzdem heilfroh, als ich Antella erreiche, weiter möchte und kann ich heute nicht mehr. Die einzige Unterkunft, die ich finden kann, ist eine Apartmentanlage, aber der Preis ist auch für eine Nacht ok und ich beziehe so eine ganze Wohnung mit zwei Zimmern und Terrasse für mich allein. Eine Waschmaschine ist auch vorhanden, die nutze ich dann auch direkt, um meine Wäsche einmal komplett vom Schweiß der letzten Tage zu befreien.

 

 

27. September

Antella – Fontebussi Tuscany Resort

49,27 km ↑1038m ↓784m

Dass mich auch heute keine entspannte Wegstrecke erwarten würde, ist mir nach den letzten Tagen klar. Deshalb versuche ich es auch so ruhig wie möglich angehen zu lassen. Ich nehme mir vor, immer wieder regelmäßige Pausen zu machen und meine Kräfte besser einzuteilen. Direkt hinter Antella geht es allerdings so steil bergauf, dass ich nur noch schieben kann und mich selbst vom Schieben unter Schnappatmung erholen muss. Und auch beim nächsten Aufstieg mache ich immer wieder Pausen und fahre so langsam wie es geht, zu mehr fehlt mir auch jegliche Kraft. Aber ich muss immerhin nicht absteigen, das ist doch schon mal was! Ich bin auf jeden Fall froh, als ich nach einer idyllischen Pause in einem Olivenhain Cintoia erreiche, auch wenn dahinter die nächste Steigung wartet. Hier muss ich dann wieder schieben, was soll’s. Als es wieder bergab geht, entschädigen mich die Abfahrten für die Anstrengung. Runtersausen macht einfach Spaß. Einen letzten Berg habe ich heute noch vor, doch zunächst mache ich eine längere Pause auf dem Dorfplatz in Cavriglia. Ein süßer kleiner Ort! Als es wieder rauf geht bin ich dann auch bald bei 1000 Höhenmeter angekommen, für mich schon eine beeindruckende Zahl und ich finde, das reicht auch vollkommen als Tagespensum, auch wenn ich eigentlich noch ein paar mehr Kilometer machen wollte. Die Landschaft ist weiterhin wunderschön, immer mehr Olivenbäume und sehr ruhige Wege. Als ich an einem herrlich gelegenen Resort vorbei komme, kann ich nicht anders als abzusteigen. Und auch wenn die Übernachtung ein wenig teurer ist als sonst, gönne ich mir das heute! Ich genieße die traumhafte Lage und kann sogar am Pool relaxen.

 

 

28. September

Fontebussi – Arezzo

53,09 km ↑868m ↓928m

Laut Höhenprofil könnte die Etappe heute entspannter werden. Und der Morgen fängt schon mal gut an, bei einem super Frühstück auf der Terrasse umgeben von der toskanischen Landschaft. Das einzige, was stört, sind die Strommasten mit dazugehörigen Kabeln, die die Fotomotive stark einschränken, aber das ist ganz klar Jammern auf hohem Niveau. Und als ich starte geht es zunächst bergab, aber schon bald auch wieder immer wieder kleine Stücke bergauf. Leider muss ich feststellen, dass sich meine Beine noch nicht erholt haben. Ich hätte vielleicht einfach mal eine Nacht länger bleiben sollen. Doch nun ist es zu spät. Den Weg heute hatte ich mir wesentlich einfacher vorgestellt. Und so richtige Pausenmöglichkeiten sind rar gesäht. Ich fühle mich müde und mehr und mehr frustriert. Da tragen ein paar schlechte bis nicht befahrbare Wege nicht zur Besserung meiner Laune bei. Um meinen Frust ein wenig rauszulassen, beschimpfe ich die Wege. Das hilft ein wenig, aber leider nicht gegen meine Erschöpfung. Als ich mich erneut eine Steigung hochkämpfe, taucht ein kleiner kläffender Hund auf und will mir an meine Waden. Eigentlich liebe ich Hunde. Aber nicht heute und vor allem hab ich keine Lust auf einen Hundebiss. Also nochmal kräftig in die Pedalen treten, um den Hund abzuschütteln, zum Glück geht es bald bergab, sonst wäre es vielleicht eng für mich und meine Wade geworden. Als ich kurz nach zwei in Arezzo ankomme, mag ich einfach nicht mehr und suche mir eine Unterkunft. Den Nachmittag schlendere ich dann durch den Ort, eine wirklich schöne Stadt und nicht ganz so überfüllt wie andere Orte in der Toskana.

 

 

29. September

Arezzo – Passignano sul Trasimento

71,75 km ↑419m ↓424m

Heute steht ein Kiesweg auf dem Programm, bei den Wegverhältnissen in Italien bin ich ein wenig misstrauisch wie das werden wird. Zunächst muss ich jedoch aus Arezzo raus, die Stadt ist groß und es geht inmitten des Berufsverkehrs durch ein Industriegebiet. Danach rauf und runter auf unbefestigtem Weg, ich ahne schlimmes, werde aber positiv überrascht, denn die Qualität des Weges ist wesentlich besser als erwartet. So wie Eskimos viele unterschiedliche Worte für Schnee haben, geht es mir inzwischen mit dem Untergrund, auf dem ich fahre. Am allerschönsten ist Asphalt, der glatt ist, das ist dann ein butterweiches Fahrgefühl. Am allerschlimmsten waren bisher die Feldwege, die auch bergab nicht zu befahren waren. Dazwischen gibt es für mich inzwischen mindestens 20 andere Abstufungen, Asphalt grob, Asphalt alt mit Schlaglöchern, Schotterwege mit feinem Schotter, auf denen es gut läuft, Schotterwege mit grobem Schotter, die mehr Kraftanstrengung fordern. Unbefestigte Wege, die aber eben sind und unbefestigte Wege, die vom Regen durchtränkt sind, von Steinen ganz zu schweigen. Aber zurück zum heutigen Weg, die Berge kann ich heute im wahrsten Sinne des Wortes links liegen lassen. Es geht durch ein landwirtschaftlich geprägtes Gebiet entlang und ich habe endlich das Gefühl, auch wieder einigermaßen vorwärts zu kommen.  Der Radweg ist heute beschildert, es handelt sich um den Il Sentiero della Bonifica in ebener Landschaft entlang des Kanals Maestro della Chiana. Laut meinem Radführer wurde diese Gegend vom Großherzog Leopoldo di Toscana im 19. Jahrhundert urbar gemacht. Bald schon kommt linker Hand Cortona in Sicht. Die Stadt thront auf einem Hügel. Der Anstieg ist so steil, dass an Fahren nicht zu denken ist. Und auch beim Schieben muss ich immer wieder Pausen einlegen. Aber es ist der einzige Anstieg für heute. In Cortona mache ich dann auch meine Mittagspause. Als ich aus der Stadt rausfahre, kann ich von oben schon den See sehen, wo mein heutiges Etappenziel ist. Der Weg ist dann auch nicht mehr weit und auch ein Hotel finde ich schnell. Nachmittags genieße ich noch die Sonne und den Ausblick auf den See. Die Idee für den nächsten Tag verwerfe ich, da das Zimmer meines Hotels sehr einfach ist und nicht zu einem längeren Aufenthalt einlädt.

 

 

30. September

Passignano sul Trasimento – Ripa

69,41 km ↑1080m ↓1108m

Das Wetter bleibt herrlich. Zunächst geht es noch ein Stück am See entlang, aber bald schon warten die nächsten Anstiege auf mich. Der Nebel hängt noch in den Bergen und es ist wunderschön, den See nun von oben zu sehen. Erst später lese ich von der Burg in Magione, auf dem Weg hatte ich sie übersehen. Und auch bei einer Abfahrt übersehe ich zunächst die Abzweigung und muss nochmal umkehren. Schon von weiter Entfernung ist Perugia zu sehen, auch dieser Ort liegt wieder oben auf einem Berg und auch hier gestaltet sich der Weg in die Stadt für mich beschwerlich. Heute scheint der Tag der verpassten Möglichkeiten zu sein, denn auch den Abzweig in das Zentrum von Perugia verpasse ich. Als ich es merke, befinde ich mich bereits ein paar Höhenmeter weiter abwärts und kann mich nicht dazu entschließen, umzukehren. Also mache ich in der Nähe eines Friedhofes Pause. Als ich ein nettes Hotel in Ripa entdecke, kann ich nicht daran vorbeifahren. Auf die Frage, ob ich irgendwo einen Supermarkt finde, bekomme ich eine kleine Karte mit Wegbeschreibung. Dass der Ausflug dann mit über 8 Kilometern und einigen Höhenmetern verbunden ist, merke ich leider erst unterwegs. Jetzt kaufe ich dann aber auch so viel ein, dass sich der Weg lohnt, Trüffelkäse und Schinken werden dann zurück in meinem Zimmer verputzt und ich spare mir ein warmes Abendessen.

 

 

1. Oktober

Ripa – Trevi

58,36 km ↑675m ↓497

Auf der heutigen Etappe liegen einige schöne Ziele auf meinem Weg. Kurz nach neun mache ich mich auf den Weg zum 1. Ziel: Assisi. Auch diese Stadt thront schon von weitem auf seinem Berg entgegen. Es sind zwar nicht viele Höhenmeter, aber die haben es in sich und ich komme gleichzeitig mit zahlreichen Touristen an einem Busbahnhof an. Ich schiebe mein Rad ein wenig links und ein wenig rechts im Ort herum und nach ein paar Fotos. Dann geht es weiter nach Spello. Zwar nur 10 Kilometer entfernt, aber auch hier sind wieder einige Steigungen zu bewältigen. Es geht ein Teil mit 10% Gefälle hinauf, da kann ich nur schieben und auch das nur mit Verschnaufpausen. Das letzte Stück aber fährt sich sehr schön, mitten durch Olivenbäume. Ein wenig irritiert bin ich jedoch von den vielen Giftschildern mit Totenkopf. In Spello mache ich eine Pause und komme mit einem Renterpaar aus München ins Gespräch, die mit einem Wohnmobil unterwegs sind. Da machen einem die Berge nicht so viel aus. Der weitere Weg gestaltet sich wieder durch giftmarktierte Olivenbäume hindurch und dann geht es weiter über die Ebene am Fluss Topino (das bedeutet kleine Maus). Ein sehr schöner Radweg. Einmal verfahre ich mich, da es die Brücke, die mein Radführer anzeigt, offensichtlich nicht mehr gibt. Aber mit einem kleinen Umweg über einen Bauernhof und unwegsames Gelände komme ich bald wieder auf die richtige Route. Nach kurzer Zeit ist dann auch Trevi zu sehen und ich muss nochmal meine ganzen Kräfte mobilisieren …. beim Schieben. 20% Steigung! In Trevi ist heute irgendwas los, zahlreiche Menschen sind unterwegs, aber ich finde zum Glück eine schöne zentrale und günstige Unterkunft. Abends dann findet ein großes Spektakel auf dem zentralen Platz im Ort statt, offensichtlich sollen verschiedene Parteien eine Art Schaukampf aufführen. Doch bevor es so richtig losgeht, wird alles wegen Regen abgebrochen. Und ich kann nun doch früh ins Bett gehen.

 

 

2. Oktober

Trevi – Spoleto

25,44km ↑155m ↓238m

In der Nacht schlafe ich nicht so gut, zwar ist es beim prasselnden Regen sehr gemütlich, aber meine Beine und besonders meine Knie tun weh.  Um mich zu erholen, habe ich eine kurze Etappe geplant und lasse mir beim Frühstück mehr Zeit. Erst gegen 10 Uhr mache ich mich auf den Wg. Der Regen hat zum Glück aufgehört und es geht immer schön eben an einem Fluss entlang. Die Strecke ist gut und prima ausgeschildert. In Spoleto lasse ich irgendwann mein Rad entnervt stehen und kämpfe mich zu Fuß bergauf durch die Gassen und vielen Treppen zur Touristen-Information. Ich finde ein gutes und günstiges Hotel, das auch mit dem Rad gut erreichbar ist. Den Nachmittag verbringe ich damit zu überlegen, wie ich die nächsten Tage gestalte. Das Höhenprofil der nächsten Etappen sieht aus wie ein Börsenkurs auf Berg- und Talfahrt. Wie sollen das meine müden Beine und schmerzenden Knie schaffen. Aufgeben finde ich doof, auf der anderen Seite macht das Fahren auch gerade überhaupt keinen Spaß mehr. Und auch in diesem Ort mag ich keinen Ruhetag einlegen. Ich entscheide mich dafür am nächsten Tag erstmal mit dem Zug nach Terni zu fahren und die nächsten 45 Kilometer zu sparen. Abends schaue ich mir noch die Stadt bei beeindruckendem Abendlicht und Regen in der Ferne an.

 

 

3. Oktober

Terni – Narni

23,34km ↑416m ↓304m

Da ich mich heute für eine Zugfahrt entschieden habe, lasse ich den Tag entspannt beginnen, bevor ich mich auf den Weg zum Bahnhof mache. Kurz vor Abfahrt des Zuges wird noch ein Gleiswechsel verkündet, den ich auf italienisch nicht verstehe, aber ich schnalle dann doch, wohin ich muss. Mit dem Zug geht es durch eine felsige grüne Landschaft und durch sehr viele Tunnel. Ich kann nur erahnen, was das mit dem Rad bedeutet hätte. Aber die Landschaft ist in der Tat nochmal sehr anders als bisher. In Terni dauert es ein wenig, bis ich aus der Stadt herausgefunden habe. Und dann erwartet mich ein sehr abwechslungsreiches auf und ab sowie zahlreiche Mücken. Aber die Landschaft ist wieder sehr schön, zwar nicht mehr so felsig wie auf der Bahnfahrt, aber hügelig und trotzdem ganz anders als in der Toskana und Umbrien. Den letzten Anstieg bis Narni muss ich einmal unterbrechen, um zu schieben, ansonsten klappt es ganz gut, auch weil die Stadt nicht ganz so weit oben liegt. In der Touristeninformation wird kein Englisch gesprochen, aber der nette Mann kann mir trotzdem einen Tipp geben, wo ich ein Zimmer finden kann. Dieses mal sogar zweigeschossig. Den Nachmittag verbringe ich mal wieder damit, den Ort zu erkunden. Es sind hier sehr viele Studenten unterwegs. Abends mache ich wie die Einheimischen, erst ein Aperol, dann nach 20 Uhr Trüffelpasta mit Rotwein.

 

 

4. Oktober

Narni – Rom

Ich habe mich nun schweren Herzens dazu entschlossen, das letzte Stück auch mit dem Zug zu machen. Das Höhenprofil der letzten Kilometer verbunden mit den Worten „Die Kondition wird auf dieser Strecke jedoch noch einmal gefordert, meist verläuft die Tour durch hügelige Gegenden, die ihnen reizvolle Ausblicke gewähren, aber auf der eben auch ein stetiges Auf und Ab zu meistern ist“. Ich finde, ich habe genügend Aufs und Abs gemeistert und genügend reizvolle Ausblicke gewährt bekommen. Und ein paar entspannte Sightseeing-Tage in Rom sind einfach zu verlockend.

Die Fahrt zum Bahnhof geht immer schön bergab. Im Zug erwische ich sogar ein Abteil, in dem ich mein Rad abstellen kann. In Rom bin ich schon sehr früh, noch zu früh für meine Unterkunft und mache erstmal eine kleine Rundfahrt im römischen Stadtverkehr. Schnell stelle ich fest, dass es hier zahlreiche Einbahnstraßen gibt, die die Orientierung für mich nicht gerade leichter machen, aber irgendwie lande ich dann am Kolosseum und realisiere, dass ich mein anvisiertes Ziel nun tatsächlich erreicht habe, wenn auch unter Zuhilfenahme von zwei Bahnfahrten. Mein Wirt Paolo versorgt mich mit Stadtplan und einer Route fürs Rad, die die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abdeckt. Vier Tage habe ich nun Zeit, Rom kennenzulernen. Natürlich mache ich das mit dem Rad.

Am 2. Tag besuche ich den Vatikan, muss vor dem Petersplatz allerdings mein Rad abschließen und eine Sicherheitsschleuse passieren. Irgendetwas scheint hier gerade stattzufinden und bald stelle ich fest, dass doch gerade tatsächlich der Papst höchstpersönlich spricht. Später finde ich heraus, dass es sich um eine Messe für Pilger handelte. Passt ja, auch wenn ich nicht katholisch bin.

Die anderen beiden Tage verbringe ich mit weiteren Ausflügen, immer umgeben von zahlreichen Touristen, aber ich entdecke auch schnell ein paar Lieblingsorte. So die ganze Ecke um Paladin und dem Kolosseum. Irgendwas hier ist magisch und ich halte mich hier gern auf. Bevor ich abends meine 24-stündige Heimreise mit dem Zug antrete, drehe ich dort noch eine letzte Runde mit dem Rad.

 

9 Kommentare Gib deinen ab

  1. Labby sagt:

    Eine phantastische Tour und ein super schöner Reisebericht. Die Tour hast du wirklich lebendig und hautnah beschrieben. Ich glaube ich habe jetzt 2 Stunden den Bericht gelesen und mir die Tour nochmals auf der google Karte angeschaut. Die Orte kenne ich alle. Klasse Bilder, da lohnt es sich vielleicht doch die schwere G6 mit zu schleppen oder ? Was fährst du für ein Fahrrad ? Ein Tourenrad oder ein Rennrad ?

    Liebe Grüße

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    1. Hallo Labby, vielen Dank für Deine lieben Worte, über die ich mich sehr freue. Ja, die Tour kann ich nur weiterempfehlen. Ich bin mit einem vsf TX 400 unterwegs, damit ich mein Gepäck gut verstauen kann, bei den schlechten Wegverhältnissen mitunter ist ein Reiserad auch einem Rennrad vorzuziehen 😉

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  2. Birgit sagt:

    Ich habe deinen Bericht mit Interesse gelesen. Wir möchten die Tour nächstes Jahr auch gerne fahren. Ich würde gerne wissen, wie du konstitionell dabei bist. Wir sind nämlich schon 62 und 56 Jahre alt und fahren normale Trekkingräder. Mit entsprechenden Gepäck natürlich. Als ich die vielen „Pfeile „ gesehen habe, kamen mir schon Bedenken..

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    1. Liebe Birgit, das freut mich zu hören. Ich lerne gerade, dass weniger Kilometer für das Reisevergnügen viel förderlicher sind. In Italien habt ihr es mir zum Teil sehr steilen Steigungen und manchmal auch schlechten Wegen zu tun, aber es ist alles machbar. Ich war ebenso mit Trekkingrad und Gepäck unterwegs und wenn ich das schaffe, schafft es jeder andere auch, ich bin nämlich nicht so besonders sportlich. Liebe Grüße aus Norwegen 😉

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  3. Gerlinde sagt:

    Vielen Dank für den tollen Bericht! Er hat uns einen guten Eindruck von dem vermittelt, was uns erwarten wird. Wir sind vor einigen Wochen dann die Strecke München-Venedig-Rom zwar ein bisschen anders gefahren, aber wir haben trotzdem ähnliche Erfahrungen gemacht – und es war wunderschön! Übrigens bin ich auch mit einem Trekking-Rad von vsf gefahren. 🙂 Herzliche Grüße!

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    1. Liebe Gerlinde, vielen lieben Dank und schön, dass ihr einen kleinen Vorgeschmack bekommen habt. Die vsf Räder sind auch in Frankreich sehr beliebt, hab ich entdecken können 🙂

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  4. Ronald Klimmer sagt:

    Wunderbarer Reisebericht. Macht auf jeden Fall Lust auf eine Tour durchs schöne Italien. Hast du dich bei der Streckenführung an den Radweg Venedig-Roma , der im Esterbauer-Reiseverlag angegeben ist, gehalten?
    Ja, und übrigens, sollte jetzt keine Werbung sein, aber auch ich möchte die Tour nächstes Jahr mit meinem VSF-Bike bestreiten:)
    LG Ronny

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    1. Hallo Ronald, vielen lieben darf für das Lob. Da ich ein Vollpfosten bei der Navigation bin, hab ich noch exakt an den Track von Esterbauer gehalten. Aber da gibt es sicherlich noch andere Alternativen. Und vsf kann ich auch nach mehreren Monaten kreuz und quer durch Europa nur weiter empfehlen, keine einzige Panne! Viel Spaß beim Planen deiner Tour!

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