„Weniger als eine Stunde“: der West Highland Way in Schottland. Von Balmaha nach Fort William

Freitag, 23. Juni / Samstag, 24. Juni 2023

Schon als ich meine Haustür in Berlin verlasse, gibt es einen Vorgeschmack auf das, was mich die nächsten Tage in Schottland erwartet: sehr viel kühles Nass von oben. Da mein Flug von Frankfurt aus geht, reise ich einen Tag früher an, übernachte in der Nähe des Flughafens und kann mich am nächsten Morgen entspannt auf dem Weg machen. Für den Flug habe ich einen Fensterplatz und genieße die Aussicht. Meine Nachbarin rutscht immer mal wieder näher und versucht auch einen Blick aus den Fenster zu erspähen. Beim Kaffee kommen wir ins Gespräch und schnell stellt sich heraus, dass auch sie die Wanderreise bei Wikinger gebucht hat. Zusammen bestreiten wir den weiteren Weg: ankommen, Passkontrolle, Gepäck abholen und Ausschau nach einem Wikinger-Schild halten, was ein junger Reiseleiter bereithält. 10 weitere Mitstreiter sind bereits da. Geld benötig man nicht, so Juri, unser Reiseleiter, da man alles mit Karte zahlen könne. So lasse ich den Geldautomaten links liegen. Mit einem kurzen Transfer geht es dann ins Hotel, wo wir bereits am frühen Nachmittag eintreffen. Juri eröffnet uns, dass wir heute bei dem schönen Wetter noch den ersten Hügel erklimmen, da für morgen schlechteres Wetter angesagt ist. Nach einer Vorstellungsrunde stärken wir uns mit Pommes und Pizza, können dann unsere Zimmer beziehen und treffen uns anschließend zum ersten Aufstieg zum Conic Hill. Es ist warm und einigen macht der Aufstieg zu schaffen. Die Aussicht über das Loch Lomond ist grandios und wir können uns bereits eine Übersicht über den Weg der nächsten zwei Tage machen. Abends erwartet uns ein sehr reichhaltiges Abendessen mit drei Gängen. Auch wenn einige aus der Gruppe wirklich tapfer alles aufessen, wird es nicht für Sonnenschein am nächsten Tag reichen.

Sonntag, 25. Juni 2023

12 Kilometer ↑ 190 m ↓190 m

Gestern haben wir bereits Bekanntschaft mit den ersten Midges gemacht, winzig kleine Mücken. Mein Fliegennetz für den Kopf, was ich mir für die Radtour 2018 gekauft hatte, kommt nun doch endlich zum Einsatz. Alle anderen aus der Gruppe kaufen sich im anliegenden Laden noch Netze um im Gesicht Ruhe vor den Plagegeistern zu haben. Das Wetter ist noch trocken, als wir nach einem stilechten britischen Frühstück loswandern. Bei der ersten Pause springt unser Reiseleiter Juri in die Fluten des Loch Lomond. Die Gruppe hingegen taucht ihre Köpfe in die frisch erworbenen Netze. Nach der Pause lässt der Regen nicht lang auf sich warten, wir stapfen durch Eichen- und Kieferwälder inmitten von wunderschöner grüner Landschaft. Schon bald sind wir am Ziel angekommen, laut Juri ist es heute ja auch „nur“ ein Spaziergang. – „Ganz entspannt“. Relativ durchgenässt können wir am Ende der Etappe in einem Pub einkehren, bevor uns der Transfer zum Hotel zurückbringt.

Montag, 26. Juni

23,7 Kilometer ↑ 470 m ↓340 m

Nach einem erneuten ausgiebigen britischen Frühstück bringt uns der Transfer zum Endpunkt der gestrigen Wanderung, von dem es heute weitergeht. Juri spricht mit dem Fahrer über das Wetter. Es ist weiterer Regen angesagt, was vom Fahrer mit einem „Scotland, you’ll never know“ kommentiert wird. Bevor wir wandern, gibt es ein Aufwärmprogramm von Juri. Aufwärmen vor dem Wandern? Das Wandern wärmt doch an sich auf. Aber gut, lassen wir uns drauf ein, denn es stehen heute doch einige Kilometer an. Die Midges wärmen sich auch mit uns auf. Wir laufen weiter entlang des Loch Lomond und das Wetter meint es einigermaßen gut mit uns. Nach einiger Zeit fragen die ersten nach einer Pause, Juri entgegnet „gleich“- ebenso auf die kurz darauf erneut gestellte Frage. Bei der dritten Frage wird er dann deutlich konkreter, wann wir endlich mit einer Pause rechnen können: „in weniger als einer Stunde“. Da dieser Satz noch häufiger auf ungeduldige Fragen von uns fällt, ist das Motto der Reise gesetzt. Und Juri lag richtig, in weniger als einer Stunde erreichen wir das Inversnaid Hotel. Drinnen gibt es warme Getränke, draußen muss man die Schuhe ausziehen, denn in Schottland gibt es überall, ja fast überall Teppichboden. Ich schlurfe also in Wandersocken aufs WC.

Frisch gestärkt geht es an die zweite Hälfte der Wanderung und nun kommt doch noch ein ordentlicher Regenschauer, der sich aber zum Glück bald verzieht. Am Ende des Lochs Lomond verspricht Juri eine Badepause. Heute wagen sich weitere Gruppenmitglieder ins Wasser. Ich verzichte gern und genieße die Aussicht in der Sonne.

Das letzte Stück schließlich zeigt uns noch einen wunderschönen Ausblick und gibt einen Vorgeschmack auf die nächsten Tage, grüne Berge heben sich mächtig um uns empor. Die letzten Meter sind auch bald geschafft. Unsere heutige Unterkunft ist das Drovers Inn, eine sehr alteingesessene Unterkunft, deren besten Tage in der Vergangenheit liegen. Dafür gibt es einige Legenden von Geistern, die Zimmer 6 regelmäßig heimsuchen. Unser sehr leckeres Abendessen wird stilecht von Kellnern im Schottenrock serviert. Ob es nachts zu geisterhaften Begegnungen in der Gruppe kam? „Scotland. You’ll never know“.

Dienstag, 27. Juni

20,7 Kilometer ↑ 470 m ↓ 230 m

Heute starten wir bereits im Regen. Heute kann man wirklich mal die Qualität seiner Ausrüstung überprüfen. Mein Fazit fällt schnell aus: Verbesserungswürdig. Meine Regenjacke hat wohl die besten Zeiten hinter sich, obwohl ich sie vor der Abreise nochmal frisch imprägniert hatte. Die Mittagspause können wir immerhin bei einem kurzen Regenstopp einlegen, doch kaum wandern wir weiter, geht es wieder los. Heute wandern wir immerhin viel im schützenden Wald. Ich merke nach den ersten 15 Kilometer jedoch leider meine Füße, die musste ja gestern schon einiges an Weg zurücklegen und haben keine rechte Lust mehr. Doch irgendwann spricht Juri das ersehnte: „in weniger als einer Stunde sind wir da“. Das letzte Stück ist auch landschaftlich nochmal sehr schön, inmitten von Heidebüschen wandern wir zu unserer nächsten Unterkunft nach Tyndrum, wo wir alle durchnässt ankommen und den Trockenraum in Beschlag nehmen, bevor wir es eine gut tuende heiße Dusche gibt.

Mittwoch, 28. Juni

14,7 Kilometer ↑ 270 m ↓ 330 m

Heute steht eine kürzere Etappe an und ich teste meine zweite Jacke. Doch der Regen ist gnädig und nieselt eher vor sich hin. Nach 10 Kilometern können wir an der Bridge of Orchy für eine Runde sehr leckere Scones einkehren. Und das Wetter meint es gut mit uns, mehr und mehr reißt der Himmel auf und wir können uns gar nicht sattsehen und genießen jeden Kilometer.

Ein gemeinsames Abendritual von Eva und mir ist der „half pint of cider“, doch unser Kellner zieht die Augenbraunen fragend hoch. Wirklich nur ein half pint??? Michaels Bestellung mit einem vollen Pint of Guiness nimmt er zufriedenstellend und mit einem vielsagenden Seitenblick auf uns auf.

Als wir nach dem Essen noch im Pub einkehren, steht besagter Kellner an der Bar. Wie im Film schauen wir uns gespielt genervt an. Ich wage es trotzdem wieder einen „half pint“ zu bestellen, worauf er wieder mit hochgezogenen Augenbrauen und widerwilliger Erfüllung meiner Bestellung reagiert. Da ich nun ein wenig verunsichert bin, frage ich nach, ist es etwas ein no-go einen halben pint zu bestellen? „No, only a personal joke“, entgegnet der Kellner.

Donnerstag, 29. Juni

20 Kilometer ↑ 390 hm ↓ 270 m

Durch den letzten Abend haben wir „unseren“ Kellner ins Herz geschlossen, aber ich kann ihn leider nicht überzeugen, mitzukommen. Heute zeigt sich das Wetter gnädig, der Weg ist steiniger und dann wandern wir inmitten der Highlands, alle sind still und genießen den Weg. Nachdem der Gipfel erreicht ist, machen wir Pause. Auf dem Abstieg kommen weitere imposante Berge in Sicht. Im Kingshouse legen wir eine Kaffeepause ein und wir entscheiden uns, noch die nächsten 4 Kilometer zu wandern, die eigentlich zum nächsten Tag gehören. Jede trockene Minute sollte genutzt werden.

Freitag, 30. Juni

10 Kilometer ↑ 280 m 550↓ m

Die Wettervorhersage sagt Regen, Regen, Regen voraus. Heute stehen die Devil Stairs auf dem Programm.

Der Name „Devil’s Staircase“ stammt angeblich von den Männern, die während des Baus der alten Militärstraße in den frühen 1800er Jahren diese Strecke bewältigten. Es wird gesagt, dass die Strecke aufgrund ihrer Steilheit und anspruchsvollen Bedingungen sehr mühsam zu durchqueren war. Die Arbeiter sollen sie als so schwierig empfunden haben, dass sie der Überzeugung waren, dass nur der Teufel selbst eine so steile Treppe hätte bauen können.

Es ist zwar trüb, aber immerhin trocken. Jeder nimmt den Anstieg in seinem Tempo. Ich trotte Eva hinterher und gerade als wir warm gelaufen sind, ist der Gipfel bereits erreicht. Da hat mich der Name schlimmers vermuten lassen. Ein wenig warm ist uns trotzdem, unsere Regenhosen bleiben zwar noch an, aber ich folge Evas Beispiel und wir lüften uns mit zur Hälft runtergelassener Hose. Unbemerkt wird davon ein Foto aufgenommen, was beim Abendessen für sehr große Erheiterung und diverse Lachanfälle sorgt.

Der Weg schlängelt sich auf und ab inmitten der Highlands, wir passieren das Blackwater Reservoir. Der Stausee ist Teil eines Wasserwegs, der Wasser aus den Bergen und Hügeln der umliegenden Regionen sammelt und es für die Versorgung und Energiegewinnung nutzbar macht.

Der Bau des Blackwater Reservoirs wurde in den frühen 1930er Jahren abgeschlossen. Das Reservoir dient hauptsächlich der Wasserversorgung für die Stadt Aviemore und ihre Umgebung. Es ist Teil eines größeren Wasserversorgungssystems, das auch das Spey Reservoir und das Aviemore Water Treatment Works umfasst.

Am Ende der Tour gibt es einen knackigen Abstieg zu unserem heutigen Ziel und Hotel in Kinlochleven. Da wir schon früh wieder im Ort sind, besuchen wir den Supermarkt und genehmigen uns noch einen Kaffee im örtlichen Pub.

Samstag, 01. Juli 2023

23,7 Kilometer ↑ 620 m ↓ 630 m

Heute steht schon die letzte Etappe an, dafür aber nochmal ein paar mehr Kilometer. Also machen wir uns nochmal zusammen warm. Im Regen geht es heute los. Auch die heutige Etappe beginnt mit einem Anstieg. Sobald der Gipfel erklommen ist, folgt wieder eine wunderschöne Landschaft inmitten der Highlands. Und auch das Wetter zeigt sich gnädig, der Himmel reißt auf und ich kann mich nur schwer sattsehen. Wir passieren ein verwittertes Haus, was ein schönes Motiv abgibt. Auch eine Pause im Trockenen ist möglich. Doch es ist windig. Auf dem weiteren Weg kommt dann der Ben Nevis in Sicht, aber sein Gipfel hüllt sich in Wolken. Morgen wäre noch eine Besteigung möglich, aber angesichts der morgigen Wettervorhersage (Regen und Wind …) entschließt sich keiner aus der Gruppe zu diesem Vorhaben. Auf dem letzten Drittel scheint eine Art Lauf stattzufinden, wir werden immer wieder von Läufern oder Wanderern mit Startnummer überholt. Und bei der Verpflegungstation bekommen auch wir eine Dose Irn-Bru gereicht. Ich verzichte, die anderen sind angesichts der ausgeprägten süßen Note nur mäßig begeistert. Erst viel später geht mir auf, das es sich um „DIE“ schottische Limoade handelt. Die begegnete mir letztes mal bereits, hatte ich nur vergessen.

Nachdem Juri uns versichert, dass es nur noch bergab geht, folgt doch noch ein letzter Anstieg. Juri zieht das Tempo an, später erfahre ich, dass er sich nicht mehr nach hinten traut 😉

Fort William ist bereits im Blick und bald haben wir auch die letzten Meter geschafft. Es folgt ein letztes Gruppenbild und wir spazieren zu unserer letzten Unterkunft, wo wir herzlich empfangen und köstlich bewirtet werden.

Sonntag, 02. Juli

Am letzten Tag teilt sich die Gruppe auf. Es gibt eine Bootrourenfraktion, die anderen fahren mit dem Zug nach Glenfinnan um die Harry Potter Eisenbahnbrücke zu sehen und Juri und ich machen eine Tour in der örtlichen Ben Nevis Destillerie. Die wirkt ganz schon heruntergekommen. Ich habe zwar keine große Ahnung von Whiskey, aber die zwei bei der Verkostung ausgeschenkten können nicht überzeugen. Mit Whiskey-Beinen geht es 40 Minuten zu Fuß zurück. Abends gibt es leckeres Hirschgulasch und ein letztes Beisammensein mit köstlicherem Whiskey.

Montag, 03. Juli

Heute geht es zurück nach Glasgow. Mit dem Tranfer passieren wir nochmal alle Stationen, die wir in den letzten Tagen erwandert haben. Finger zeigen nach draußen, auf Handys wird mit Landkarten nachverfolgt, wo wir gerade sind und in allen Gesichtern spiegelt sich Wehmut.

Am Flughafen werden noch letzte Souvenirs eingekauft und im Flieger trinke ich mit Birgit einen letzten Kaffee, bevor es wieder per Bahn nach Hause geht.

Doch das Versprechen, wieder nach Schottland zu kommen, habe ich mir bereits gegeben: Chì mi thu a dh’Alba a dh’aithghearr!

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