Einmal in die Badewanne der Berliner! Radweg Berlin – Usedom

4. September 2017
Berlin – Joachimsthal
77,69 km ↑376m ↓353m

Erst gestern vom Malerweg heimgekehrt, morgens noch schnell die Wohnung auf Vordermann bringen und dann geht es nach einem Besuch bei meinem Bäcker gegenüber auch schon zu los. Kurz nach zehn starte ich direkt von meiner Haustür den Weg nach Usedom. Das erste Stück durch Berlin geht durch bekanntes Terrain, Friedrichshain, Mauerpark, Pankow, Buch, Bernau, bin ich alles schonmal letztes Jahr als Feierabendtour gefahren. Und wie es in Berlin eben so ist, es dauert seine Zeit, bis man die Stadt hinter sich gelassen hat. Ruhiger wird es dann aber im Panketal, auch wenn das Verkehrsrauschen immer stetiger Begleiter ist. In Bernau mache ich meine erste Pause, vor dem Rathaus und umsäumt von NPD-Plakaten, die behaupten, selbst Luther würde die Partei wählen. Ich hab da so meine Zweifel. Nach Bernau wird es richtig schön. Der Ort Lobetal ist noch interessant, er wurde von einem Pastor 1906 gegründet, als neue Heimat für Obdachlose aus Berlin. Heute leben und arbeiten hier viele Menschen mit Behinderung, nach dem Leitgedanken des Pastors Friedrich von Bodelschwingh „Es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht liebt“.
Der Weg führt mich durch das Biesenthaler Becken, bereits durch zwei oder drei Wanderungen bekannt und auch mit dem Rad nicht weniger bezaubernd. Am Schleusenteich hinter dem Finowkanal mache ich eine Pause in der Sonne. Am Deichgrafen wird mir zwar noch hinterhergerufen „Hier gibt es den letzten Prosecco vor dem Nordkap“, aber das Angebot schlage ich aus. Auf der Bank ist es schöner, ein Schwanenpaar zieht mit seinem 8-köpfigen Nachwuchs seine Kreise. Als ich aufbreche lösen mich zwei Radfahrer ab. Nun sind es nur noch 20 Kilometer für heute, am Werbellinkanal entlang geht es zum Werbellinsee. Einem jungen Radfahrer ist die Kette abgesprungen und ich helfe gern dabei, sein Rad wieder fahrtüchtig zu machen, das bekomme ich noch hin. Als er mich beim nächsten Fotostopp überholt, befürchtet er eine Panne meinerseits, aber ich kann ihn beruhigen. Und schon beim Panoramapunkt über dem Werbellinsee treffe ich auf die nächsten Radler, ein Pärchen, das sich auch auf dem Weg nach Usedom befindet, aber erst in Bernau gestartet ist. Wir übernachten zwar beide in Joachimsthal, aber in unterschiedlichen Unterkünften. Kurz vor fünf erreiche ich dann die Radlerpension und erwische noch die letzten Sonnenstrahlen zum Abendessen.

Übernachtung: Fahrradpesion Joachimsthal

 

 

5. September 2017
Joachimsthal – Bandelow
78,78 km ↑473m ↓507m
Nach einen Frühstück unter sechs Radlern, die alle auf dem Weg nach Usesom sind, geht es los. Und auch diese Etappe lässt landschaftlich keine Wünsche offen. Zunächst geht es an einem Moor entlang, wunderschöne Raben sind rechts und links zahlreich vertreten. In Wolletz wurde ein ehemaliger Konsum-Markt zu einem stilvollen Café hergerichtet. Und in Steinhöfel finde ich am Ortsausgang eine wunderbare Radlerrast, gern lasse ich mich bei Café und Keksen auf einer der Liegen nieder. Wieder hab ich nicht bedacht, dass in der Uckermark die Einkaufsmöglichkeiten rar gesäht sind und decke mich hier noch mit Notproviant ein. Und als ich beim kleinen Laden in Warnitz eintreffe, stehe ich vor verschlossenen Türen, Mittagspause! Bis Prenzlau sollte ich es aber auch noch schaffen, so weit ist der Weg nicht mehr. Doch die sanften Hügel der Uckermark zwingen mich noch zu einer weiteren Pause, um Energie für meinen Verbrennungsmotor einzulegen. In Prenzlau werde ich dann von einem mir entgegenkommenden Radfahrer in knallgelbem Trikot mit den Worten gestoppt „Berlin – Usedom?“ Ich bejahe und er erklärt mir den Weg, der schwer zu finden sei. Dabei hab ich doch mein GPS … Aber das lässt er nicht gelten. Er ist auf dem Weg zurück nach Berlin und wir tauschen uns noch über die bisher absolvierte Strecke aus. Er warnt mich vor einer Schotterpiste, die nicht hätte sein müssen. Ich schwärme vom bisherigen Weg. Und auch meine Frage nach dem nächsten Supermarkt kann er mir beantworten. Wir ziehen dann in entgegengesetzte Richtungen weiter. Als ich den Aldi erreiche kaufe ich viel mehr als notwendig, was ein paar Stunden ohne Einkaufsmöglichkeiten doch für Hamsterkaufreflexe wecken … Das allerletzte Stück bis Bandelow lasse ich es ruhig angehen, die Straßen sind leer, auf dem Feld wird ein Windrad errichtet. Schon gegen 16 Uhr erreiche ich meine Unterkunft und in der Hofkäserei gibt es noch eine Currywurst und ein köstliches Kirschbier.

Übernachtung: Landhaus Mandelkow

 

6. September 2017
Bandelow – Leopoldshagen
71,84 km ↑177m ↓213m
Nach einer herrlich ruhigen Nacht und einem wunderbaren Frühstück geht es los. Für heute ist schlechtes Wetter angesagt, also packe ich mich in meine Regenklamotten ein, bevor ich aufs Rad steige. Aber noch ist von Regen nichts zu sehen und bei den letzten uckermärkischen Hügeln wird mir schnell so warm, dass ich mich wieder auspacke. Und dann folgt der Schotterweg, auf den mich der Radfahrer in Prenzlau hingewiesen hatte, erst nicht so schlimm, aber mit der Zeit nervt er in der Tat. Zum Glück sind es nur ein paar Kilometer und ich bin froh, als ich wieder asphaltierten Boden erreiche. Bald schon passiere ich unspektakulär die Grenze zu Mecklenburg Vorpommern, ein Schild übersehe ich oder es gibt eben keins. Der weitere Weg nach Pasewalk geht immer entlang der Bundesstraße, schön ist anders. Links uns rechts weisen Warnschilder darauf hin, dass Betreten verboten ist, da es sich um militärisches Gebiet handle und sogar Lebensgefahr wegen möglicher Blindgänger bestünde. Als ich die Kasernen dann passiere, finden sich zahlreiche NPD-Wahlplakate, die Partei scheinen zu wissen, wo sie ihre Zielgruppe findet. Keine andere Partei hat hier plakatiert. In Torgelow halte ich Ausschau nach einem Café, doch entlang des Weges bietet sich keine nette Gelegenheit und ehe ich es mich versehe, bin ich auch schon wieder raus aus dem Ort. Zum Glück geht es jetzt nicht mehr entlang der Straße, sondern durch ein Waldgebiet. Auch in Eggesin finde ich kein Café, mache aber auf einem netten Platz Pause mit meinen Hamsterkäufen von gestern. Kurz darauf beginnt der angekündigte Regen. In Ueckermünde finde ich das ersehnte nette Café und nutze den Regen, um mir in der Touri-Info für den morgigen Tag eine Unterkunft auf Usedom buchen zu lassen. Bei nachlassendem Regen mache ich mich auf die letzten Kilometer für heute, pünktlich am Meer in Mönkebude zeigt sich auch die Sonne wieder und ich genieße den Blick und die Sonne. Im letzten Stück muss noch ein aufgeweichter Waldweg bezwungen werden, bis ich zu meiner Unterkunft komme. Außer mir haben sich noch zwei andere Radler einquartiert und bei einem gemeinsamen Abendessen tauschen wir uns aus. Dabei stellt sich heraus, dass sie anwesend waren, als mir „der letzte Prosecco vor dem Nordkap“ im Deichgrafen angeboten wurde. So schließt sich der Kreis. Wir sind uns einig darin, dass die Streckenführung durchaus besser sein könnte. Für die beiden ist es die erste Radtour und ich lege ihnen als Alternative noch Berlin – Kopenhagen und die Tour Brandenburg ans Herz. Wer weiß, wo man sich wiedersieht.

Übernachtung: Fahradraststätte Leopoldshagen

P1010446 (2)

7. September 2017
Leopoldshagen – Heringsdorf
83,91 km ↑393m ↓398m

Nach dem Frühstück mache ich mich noch vor den zwei Jungs auf den Weg. Ich befürchte, mich bei der Kilometeranzahl ein wenig verkalkuliert zu haben, hatte ich doch eigentlich noch einen Ausflug nach Svenemünde geplant. Das Wetter hat sich leider nicht verbessert. Die geschätzten 15 Kilometer bis Anklam sind 24 und die gilt es bei Gegenwind und Dauerregen zu absolvieren. Ich habe das Gefühl kaum vorwärts zu kommen, das kann ja heiter werden heute. Vor Anklam geht es durch ein wunderschönes Moor, was bei diesen Wetterverhältnissen nochmal atmosphärischer wirkt. Die Silhouetten der vielen toten Bäume wirken auch ein wenig bedrohlich, aber ich bin vollkommen fasziniert. Ein Stück weiter schützen Bäume am Weg vor dem strengen Wind heute und vor mir schlendert ein pelziges Wesen sehr langsam und gemächlich den Weg entlang. Ein Hund? Nein, ein Fuchs. Ich halte kurz an, aber er hat mich noch immer nicht bemerkt. Wie würde er reagieren, wenn ich einfach an ihm vorbeifahre? Würde der Fuchs sich durch den Schreck bedroht fühlen und gar beißen? Als ich in die Hände klatsche, sucht er allerdings schnell das Weite. Nun ist der Weg bis Anklam auch nicht mehr weit, und dort nutze ich die Bäckerei am Markt erstmal zum Verschnaufen bei Tee und Teilchen.
Der folgende Weg fährt sich wesentlich besser, da der Wind jetzt auch von hinten weht. Bis man wirklich auf Usedom ankommt, fährt man eine große Schleife. Doch nun schiebt mich der Wind quasi auf die Insel. An der Eisenbahnbrücke in Karnin mache ich eine weitere Pause, die aber wegen Wind und Nieselregen eher kurz ausfällt. Dann geht es über eher schlechte Straßen weiter nach Usedom. Schon nach diesem kurzen Stück staunte ich über die Vielfältigkeit der Insel, weites Land, Wälder, ländliche und ruhige Gegenden. Plötzlich sehe ich zwei sehr aufgeregte Pferde vor mir den Weg kreuzen, die sind offensichtlich ausbebüchst und haben einen Ausflug geplant, aber als sie das Feld erreichen, was kniehoch bewachsen ist, scheint es ihnen nicht ganz geheuer zu sein und sie treten aufgeregt den Rückweg an.
Nach Heringsdorf führen nun zwei Wege, entweder über das polnische Świnoujście oder einmal quer durch die Mitte mit ein paar Steigungen. Ich entscheide mich für den kürzeren Weg quer durch die Mitte. Auch so lande ich heute bei über 80 Kilometer, das reicht mir für heute. Durch das regnerische Wetter scheint niemand außer mir in den wunderschönen alten Buchenwäldern unterwegs zu sein und es dauert auch nicht mehr lang, bis ich an meinem Hotel in Heringsdorf ankomme.
Abends gibt es stilecht Fisch, als ich zurück komme, funktioniert mein Schlüssel jedoch nicht, die Rezeption ist nicht besetzt und mein Akku vom Handy ist auch noch leer. Auf meine Hilferufe, die um Einlass ins Hotel bitten reagiert niemand. Also klopfe ich an ein Fenster, und der Gast ruft den Besitzer an. Noch am Telefon werde ich belehrt, dass der Schlüssel doch gehen müsste. Geht er aber nicht. Als er mürrisch eintrifft, funktioniert auch sein Schlüssel nicht, aber es gibt noch eine Hintertür, da ist das Schloss nicht kaputt. Auf eine Entschuldigung warte ich jedoch auch am nächsten Morgen vergebens, als er mir erzählt, dass er das Schloss noch abends habe aus- und einbauen müssen, weil sich Bolzen verklemmt hätten. Der Menschenschlag ist in dieser Region eben einfach besonders …

 

8.-10. September
Heringsdorf – Świnoujście – Koserow
Koserow – Penemünde
Die noch drei verbleibenden Tage gehe ich gemächlich an. Auch wenn das Wetter sich nicht von der besten Seite zeigt, beschließe ich noch einen Ausflug ins polnische Świnoujście zu machen. Der Weg ist denkbar einfach, immer an der Promenade entlang. In Świnoujście angekommen, hält sich meine Begeisterung in Grenzen und ich bin froh, hier kein Quartier gebucht zu haben. Die anderen Orte auf Usedom haben für mich eindeutig mehr Charme, auch wenn es auf der polnischen Seite merklich günstiger ist. Ich folge dem R1 Ostseeküsten-Radweg und komme noch an Festungsanlagen vorbei. Nach einem Besuch im Hafen und dem obligatorischen „Polenmarkt“, der mich allerdings mit seinem Angebot auch nicht zu überzeugen weiß, geht es zurück in Richtung Koserow, wo ich eine neue Unterkunft für die nächsten drei Tage habe.
Am nächsten Tag radel ich das Stück des Radweges Berlin – Usedom bis Penemünde auch noch zu Ende, doch auch hier können mich die Ortschaften Trassenheide und Karlshagen nicht so richtig begeistern. Aber das Ostseebad Zinnowitz ist sehr schön.
Der Rest der Reise besteht aus: erfolgloses Bernsteinsuchen am Strand, ein Seeadler am Himmel, ein Spaziergang im Wald, einmal baden in der Ostsee und sich von der Langsamkeit der Insel einholen lassen.

 

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