Yolo! Kapitel 1: Rostock – Helsingor

“Yolo, Steffi!“

“Was heißt das nochmal?“

“You only live once!“

“Ach ja, klar! Prost!“

Genau wie Woche später befinde ich mich in Dänemark, hab die ersten fünf Tagesetappen in den Beinen und bin immer noch dabei, zu realisieren, was ich da gerade tue. Bisher lief alles hervorragend, von einem schönen letzten Abend mit den Kollegen, ein Überraschungsfrühstück von denselbigen am letzten Tag, bei dem es auch mir dann nicht mehr gelang, die Tränen zurückzuhalten bis zur Abfahrt vom Büro zum Hauptbahnhof. Selbst der Fahrstuhl empfängt mich dort direkt, dabei hatte ich extra großen Puffer eingebaut. Denn letzten Sommer habe ich hier schon ganz andere Szenen erlebt … Auch das Zugabteil nach Rostock ist leer, abends bewirtet mich meine Freundin Melanie mit Sekt, Aperol und Pizza und nachts leistet mir ihr Hund Kalli Gesellschaft.

12.Mai Rostock – Kubbenkoebig

77 km

Was ich nicht auf dem Zettel hatte: der Fährhafen ist noch 11 Kilometer vom Zentrum in Rostock entfernt … Aber auch das ist kein Problem, Kalli und Melanie bringen mich früh am Morgen noch auf die richtige Spur und die ersten Kilometer radeln sich bereits prima. Am Fährhafen ist noch ein anderer Radler so früh dran wie ich und nachdem wir parallel unsere Tickets gekauft haben, genießen wir noch die Sonne. Was ich ebenfalls nicht auf dem Zettel hatte: Die Überfahrt mit der Fähre dauert 2 Stunden … Also geht es erst um 13 Uhr los mit dem Radeln und ich hatte mir für heute 65 Kilometer vorgenommen. Neben dem frühen Radler und mir sind keine anderen Radler unterwegs und wir verbringen sowohl die Überfahrt als auch die ersten Kilometer gemeinsam. Das Wetter ist traumhaft, ich radle etwas schneller als nötig, fest entschlossen noch nicht von meinem Tagesziel abzuweichen.

Doch nachdem ich mich von meinem Mitfahrer trenne, da er in der nächsten Stadt schon seine Unterkunft gebucht hat, mache ich mir keine Sorgen mehr, es radelt sich ja quasi von allein. Mein Rad läuft prima, das Meer schimmert links von mir in herrlichen Farben und so erreiche ich kurz nach 18 Uhr Stubbenkoebing, wo ich den Campingplatz aufsuche. Meinen Campingkocher brauche ich noch nicht, gibt es doch eine Küche mit Herd und Wasserkocher.

13. Mai

Stubbenkoebing – Borre

68,3 km

Die erste Nacht im Zelt war gut, der Schlafsack muckelig warm und auf mein Müsli mit Milchpulver ist besser als erwartet. Kurz vor zehn stehe ich abfahrbereit an der Fähre, muss aber erfahren, dass die erste Fähre erst um 12 Uhr geht. Hmm, also wieder geduldig sein und warten, hilft ja nix, die Ausweichroute hätte stolze 49 km, da ist Warten schneller. Als ich endlich auf der Insel Bogoe By losfahren kann, empfängt mich ein ordentlicher Gegenwind. Da die heutige Etappe aber einen Bogen macht, hab ich den Wind im Laufe des Tages mal von vorn, mal von hinten, mal von links und mal von rechts. Die Landschaft ist strahlend schön, gelb leuchtende Rapsfelder und zu meiner Linken weiterhin das türkisfarbene Meer. Als ich dann bei den Kreidefelsen und somit zum heutigen Highlight der Tour ankomme, bin ich schon so platt, dass ich mich nicht zu einem Spaziergang entschließen kann, ein Fehler, denn auf dem Rad ist von den Felsen nix zu sehen, das fällt mir leider erst auf, als ich die ganzen Hoehenmeter wieder herabgesaust bin. Die letzten Kilometer muss ich dann auch nicht mehr viel machen. Heute hab ich meine erste Übernachtung über das Netzwerk warmshowers. Kenneth lässt mich in seinem Wohnwagen schlafen, abends reden wir vom Reisen, dabei hat Kenneth mir viel voraus, er war bereits auf allen Kontinenten mit seinem Rad unterwegs.

14. Mai

Borre – Praesto

51 km

Nachdem sich Kenneth nicht davon abhalten liess, mir nochmal die Kette zu ölen, bin ich heute früher als die anderen Tage auf der Strecke. Und so langsam gelingt es mir auch, mehr zur Ruhe zu kommen und das Radfahren sowie die wunderschoene Landschaft um mich herum zu genießen. Nach und nach legt sich meine Nervosität, auch wenn ich noch immer nicht so richtig glauben kann, dass ich jetzt wirklich mehrere Monate auf dem Rad reisen werde und dafür meinen Job gekündigt habe, fühlt sich noch immer sehr unwirklich an, aber auch nicht verkehrt. Das Wetter könnte besser nicht sein und der Wind kommt heute von hinten. So fährt es sich von ganz allein. Kenneth hat mir noch ein Shelter mit schöner Aussicht empfohlen, das steuere ich auch passend zur Mittagszeit an. Und es ist wirklich ein wunderschöner Ausblick, dennoch bleibe ich nicht lang, denn gerade wird Rasen gemäht und die Geräuschkulisse ist mir dann nicht stimmig genug. Ich hatte mich wohl bei meiner Planung ein wenig vertan, 10km weniger als angenommen, komme ich schon gegen 14 Uhr an meinem heutigen Zielort an, bin aber erst um 17 Uhr bei meiner Gastgeberin Tilde angemeldet. Also döse ich in der Sonne, lese und beobachte die Hunde am Strand. Tilde empfängt mich so herzlich und fürsorglich, wie es besser gar nicht sein koennte. Ein Drei-Gänge-Essen hat sie vorbereitet, Wahnsinn! Tilde ist schwer krank, lässt sich davon aber nicht abhalten, tausende Kilometer quer durch Europa zu wandern, eine wirklich inspirierende Persönlichkeit.

15. Mai

Praesto – Koege

86 km

Tilde musste schon ganz früh los, da sie zu Untersuchungen im Krankenhaus nach Rosgilde muss. Ich mache mich also allein abreisebereit und radele frohen Mutes los, doch nach 4 Kilometern werde ich stutzig, die Streckenführung kommt mir irgendwie bekannt vor. Oh Mann, ich bin prompt in die falsche Richtung geradelt. Mist, also wieder zurück … Auch heute geht es immer schön am Meer entlang und oben an Himmel auf ganz viele Gänse unterwegs, wie ich wollen sie bestimmt nach Schweden! Meine Mittagspause mache ich am Hafen von Roedvig mit Salat und Wassermelone von Tilde, herrlich! In Mandelhoved mache ich einen kuryen Abstecher zu den Kreidefelsen, außer mir ist kaum jemand unterwegs. Ich schaffe am Ende auch noch die letzten Kilometer bis zum Zeltplatz in Koege und belohne mich mit Burger, Cola und einem Strandbesuch.

16. Mai

Koege – Kopenhagen

69 Kilometer

Morgens komme ich in der Küche des Zeltplatzes mit einer Frau ins Gespräch, die mir erzählt, dass sie seit über einem Jahr im Caravan wohnt, da sie auf eine Wohnung wartet. Sie freut sich sehr über das gute Wetter, ich mich auch, dabei musste ich den Winter nicht auf einem Campingplatz verbringen … Da wird man schon nachdenklich, wie gut es einem geht. Und auch die Tour läuft für mich weiterhin unfassbar toll, rechts das Meer, hin und wieder Felder.und habt viele blühende Obstbäume. In Lille Vejleso mache ich eine letzte Pause vor Kopenhagen in den Dünen. Dass sich hier ausschließlich Männer aufhalten und davon viele komplett unbekleidet bietet Anlass zu Spekulationen. Nun denn, den Tag wollte ich hier ja eh nicht verbringen. In Kopenhagen habe ich wieder eine Gastgeberin von warmshowers, als ich dort zur vereinbarten Zeit eintreffe, öffnet mir jedoch niemand die Tür. Ein Einkaufszentrum ist direkt nebenan, ich trinke noch ein kühles Getraenk und surfe im Netz von H&M. Eine Stunde später reagiert immer noch niemand auf mein Klingeln. Gerade als ich die Nummer rauskrame, kommt Mette aus der Tür, schwer beladen mit einer Tür. Sie hatte mich vorgewarnt, dass sie gerade renoviert, ich aber im Esszimmer schlafen könnte. Sagen wir mal so, der Anblick ihres Hauses ist in der Tat einzigartig, kein Platz ist frei, alles ist komplett vollgestellt. Will man irgendwo hin, muss der darf erstens freigeräumt werden. Mette selbst ist unglaublich gastfreundlich und nett. Wir essen zusammen zu Abend, danach helfe ich ihr noch, ein Regal im Innenhof anzubringen, auch dieser steht voll mit Zeugs. Auch der Platz für mein Nachtlager muss erst geschaffen werden. Mir haben genügend Leute Abenteuer gewünscht, ich würde sagen, das hier ist gerade eins!

17. Mai

Kopenhagen / Helsingoer

60 km

Die Nacht zwischen Katzenfutter und Gerümpel verbringe ich schlaflos. Nein, das hier ist nichts für mich, Abenteuer hin oder her. Daher packe ich auch früh meine Sachen, murmel was von Katzenhaarallergie und frühstücke in der Stadt. Nach zwei süßen Teilchen und einer Zuckerportion, die wahrscheinlich den Wochenbedarf deckt, geht es mir ein wenig besser. Ich radel kreuz und quer durch Kopenhagen, um noch ein wenig von der Stadt zu sehen und mache mich schließlich auf in Richtung Norden. Immer entlang der Straße am Meer, neben mir sind ausschließlich Rennradfahrer unterwegs. Meine Laune lasst zum ersten mal zu wünschen übrig. Der Aufenthalt bei Nette hat mir irgendwie aufs Gemüt geschlagen. Daher gönne ich mir heute am Zielort ein Hotel. Es ist herrlich, sich mal so richtig ausbreiten zu können. Nachmittags schlendere ich noch durch die wirklich nette kleine Stadt und morgen geht es dann auf die Fähre nach Schweden.

Fazit Dänemark:

Für mich der ideale Einstieg, da die Landschaft nicht nur super schön sondern auch angenehm eben ist, die Dänen sind freundlich, entspannt und hilfsbereit und niemand macht ein Gewese darum, dass du als Frau allein unterwegs bist. Ich freue noch schon auf Dänemark Teil II.

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