Reif für die Insel! Kapitel 6: Nordseeküstenradweg England / Schottland: Newcastle – Edinburgh

2. – 4. Juli

Anreise nach Newcastle

Als ich morgens noch im Bett meine heutige Verbindung überprüfe, muss ich leider feststellen, dass mein Zug von Hannover bis Amsterdam ausfällt. Bei der Hotline rät man mir, mich direkt vor Ort ans Reisezentrum zu wenden. Vorher suche ich mir noch eine Verbindung raus, die früher geht und ein paar mehr Umstiege beinhaltet, dafür wäre ich aber fast zur selben Ankunftszeit in Amsterdam. Nun heißt es leider auch früher aufbrechen als ursprünglich geplant, adieu gemütliches Frühstück. Die Dame am Schalter muss erst mal alles nachvollziehen, was ich schon längst recherchiert habe, aber es klappt gerade noch so mit dem Zug und ein Einkauf beim Bäcker ist auch noch drin. Die Fahrt läuft dann trotz der Umstiege besser als erwartet, nur den letzten Anschlusszug verpasse ich, was nicht schlimm ist, da bereits 10 Minuten später ein anderer Zug nach Amsterdam geht. Und die Niederlande ziehen alle Register, um mich zu beeindrucken. Ich drehe eine kleine Runde durch die Stadt bei bestem Wetter – ganz schön viel los hier und dann auch so viele Radler. Alle ohne Helm. Auch heute hab ich eine Unterkunft über das warmshowers-Netzwerk gefunden, muss dazu aber gute 10 Kilometer aus der Stadt rausfahren. Es kommt mir noch so unwirklich vor, eben war ich noch in Braunschweig, jetzt bin ich in Holland, andere Landschaft, andere Häuser, andere Sprache. Gegen halb sieben komme ich an und werde mir selbstgemachtem Pie beköstigt, bevor mir Mariekje mein heutiges Domizil zeigt, ein Gartenhaus mit Wasserblick, eigener Dusche und WC und wunderschön hergerichtet. Es könnte schlechter gehen.

Am nächsten Morgen trinken Mariekje und ich noch einen Kaffee zusammen, bevor ich mich sehr gemütlich auf den Weg zur Fähre mache. Heute stehen gute 30 Kilometer an, aber ich habe massig Zeit. Bestes Wetter und wunderschöne Landschaft lassen auch heute keine Wünsche offen. In Iljumiden vertreibe ich mir die Zeit noch mit letzten Erledigungen, bevor ich mich zum Fährterminal begebe. Obwohl es noch früh ist, kann ich bereits einchecken. „Bicycles first!“, da lasse ich mich nicht zweimal bitten und denke, das wäre auch mal ein Motto für die Politik. Besser als so manch andere Phrase. Nachdem ich mich in meiner Schiffskabine eingerichtet habe, genieße ich die Sonnenstrahlen auf Deck und freue mich auf die Überfahrt.

4. Juli

Newcastle – Newbiggin by the sea

76 Kilometer

Obwohl ich nicht den Eindruck habe, tief und fest geschlafen zu haben, fühle ich mich fit und ausgeruht. Kein Vergleich zur letzten Fährüberfahrt von Stavanger. Auf der Fähre kann ich sogar noch meine übrig gebliebenen schwedischen und norwegischen Kronen in britische Pfund umtauschen, bin also bestens für den Tag gewappnet. Während mit mir noch einige andere Radler darauf warten, von der Fähre gelassen zu werden, versorgt mich eine britischte Radlerin mit allerlei Tipps für meine geplante Strecke. Ich entscheide mich zunächst für einen Besuch von Newcastle, auch wenn die Stadt nicht direkt meinem Routenverlauf entspricht. Ein ganzes Pulk Radler ist auf der Strecke unterwegs, aber das verteilt sich dann in Newcastle. Ich genieße ein zweites Frühstück in der Stadt und erfahre aus der Heimat, dass England gestern bei der WM im Elfmeterschießen weiter gekommen ist, sind deshalb alle so freundlich zu mir? Obwohl ich selbst noch dabei bin, mich zu aklimatisieren, werde ich häufig und immer sehr nett gefragt, was ich denn vorhabe. Erstmal wieder zurück, um an die Küste und damit auf meine eigentliche Route zu kommen. Damit ich nicht den gleichen Weg nochmal fahren muss, fahre ich auf der anderen Seite des Flusses. Inzwischen ist auch das Wetter besser und ich mache aus meiner langen Hose eine kurze. Im ersten Supermarkt freue ich mich über die günstigen Preise und die Auswahl. Noch bin ich den norwegischen Standard gewöhnt. Der Weg an der Küste ist wunderschön, dazu gibt es Rückenwind und ich schüttel nur ungläubig den Kopf, da ich so viel Glück habe. Bei google maps hab ich mir vorher ein paar Campingplätze markiert und suche gegen 16 Uhr den nächsten auf. Doch dort erfahre ich, dass eine Übernachtung nur mit Caravan möglich ist, Zelten sei hier unüblich. Hmm, und nun? Im nächsten Ort gibt es zwei Bed & Breakfast, die aber beide schon ausgebucht sind, aber man schickt mich zum nächsten Pub. Dort bekomme ich ein sehr günstiges Zimmer mit Meeresblick! Dazu noch ein indisches Restaurant um die Ecke, und als ich im Bett liege, schallt live-Musik hoch. Excellent!

5. Juli

Newbiggin by the sea – Waren Mill

77 Kilometer

Schon morgens scheint die Sonne in mein Zimmer und es verspricht ein herrlicher Tag zu werden. Ich genieße mein englisches Frühstück mit Toast, Tee und Orangemarmelade, bevor ich mich auf den Weg mache. Der Weg ist weiterhin herrlich, da möchte ich fast noch langsamer fahren als ich es eh schon tue. In Amble gibt es Wifi und Kaffee und der Bäcker hat warme Pasteten. Und bei der Kuchenauswahl freue ich mich schon sehr auf die nächsten Tage, England und ich – wir mögen uns! Ich entscheide mich im Verlauf der Etappe für die Variante an der Küste, ein wenig sandig mitunter und nicht immer einfach zu fahren. Bei einer kleinen Brücke ist man dann auch gezwungen, das Rad die Treppen rauf und runter zu hieven. Doch dafür gibt es in Seahouse den nächsten englischen Klassiker: fish & chips. Letztere überzeugen am Ende nicht, aber die warme Mahlzeit tut gut. In der Touri-Info kann ich noch sicherstellen, dass die nächsten Campingplätze auch Zelte akzeptieren und mache mich auf die letzten Kilometer, bzw. Meilen. Ich habe mich noch nicht ganz an den englischen Straßenverkehr gewöhnt, links fahren bekomme ich noch hin, aber oft genug schaue ich erst in die falsche Richtung, ob Autos im Anmarsch sind. Und wie ist das eigentlich mit den Vorfahrtsregeln, links vor rechts??? Muss ich mal bei Gelegeneit recherchieren, in meinem Radführer steht dazu nix.

6. Juli

Waren M ill – Birgham

Es kommt mir wie Ewigkeiten vor, seitdem ich das letzte mal im Zelt übernachtet habe, dafür habe ich sehr fest geschlafen und mache mich ausgeruht auf eine neue Etappe. Der Weg führt erst über ein paar ruhige Straßen durch Felder, bevor es wieder ans Meer und damit auch leider wieder auf unwegsame Wege geht. Die entschädigen aber dann auch mit dem ein oder anderen Fotomotiv. Nur so richtig vorankommen will ich heute nicht und so dauert es viel länger, als von mir erwartet, bis ich endlich Berwick-upon-Tweed erreiche. Der Track mit dem Nordseeküstenradweg England auf meinem Garmin hört exakt an der Brücke auf. Nur irgendwie beginnt der Track mit dem Nordseeküstenradweg Schottland leider nicht auf der Brücke sondern irgendwo in Aberdeen. Na toll, das habe ich zu Hause nicht überprüft. Erstmal zur Touri-Info, das ist nie verkehrt. Mit dem wifi dort kann ich mir zumindest den Track in meine Komoot-App laden und bekomme die Information, dass auf den nächsten Kilometern kein Campingplatz zu finden ist. Also dann spontan was anderes suchen, erstmal auf nach Schottland. Da es nun auf asphaltieren ruhigen Straßen voran geht, purzeln die Kilometer nun endlich. Wieder gegen 16 Uhr halte ich die Augen nach einem möglichen Quartier auf und es dauert nicht lang, bis mitten im nirgendwo ein Hinweis auf Bed & Breakfast auftaucht, ich könnte heute durchaus noch weiter fahren, aber fragen kann man ja mal. Ich werde so nett empfangen, dass ich auch gleich bleibe und der Preis ist auch vollkommen im Rahmen. Eines der Dinge, die ich auf den bisherigen Touren gelernt habe, die Unterkünfte auf dem Land sind meist wesentlich schöner und dazu noch günstiger als in den Orten.

7. Juli

Birgham – Innerleithen

66 Kilometer

Heute steht ein entspannter Tag an, beginnend mit einem herrlichen Frühstück samt leckerem Rührei von heimischen Hühnern und einer netten Frühstücksunterhaltung mit meinen Gastgebern. Es ist schon warm als ich mich gegen 9 Uhr auf den Weg mache. Dafür lasse ich mir heute richtig viel Zeit. Es geht auf ruhigen Straßen durch die Felder. Einmal hält sogar eine Frau im Auto an, um mich zu befragen, was ich denn vorhabe. Es ist ein sehr nettes Gespräch. Und kurz darauf treffe ich noch auf einen Radler aus England, der ebenfalls für einen Plausch stoppt. Meine erste Pause mit Kaffee habe ich für Newton St. Boswells im Visier, aber ehe ich es mich versehe bin ich schon durch den Ort gefahren. Zum Glück ist der nächste Ort nicht weit entfernt und zum Kaffee gibt es in Melrose noch ein leckeres Shortbread, Zuckerschock inklusive. Sehr träge hab ich nun kaum noch Lust weiterzufahren und bummel mich so durch die Strecke. In Galashields verpasse ich einen Abzweig und muss nun die Route ein wenig umändern. Was auch immer der Grund ist, mehr als einen Kilometer zurückzufahren kommt für mich nicht in Frage, allein der bloße Gedanke tut schon weh. Um mich herum tauchen mehr und mehr Berge auf, so langsam wird es so, wie ich mit Schottland vorgestellt habe. Meine Umleitung funktioniert zumindest, es geht auf und ab und ich erreiche bald meinen heutigen Zielort, wo ich auf dem Campingplatz unterkomme. Den Campingwart verstehe ich nur mit mehrmaliger Nachfrage. Heute hat England gespielt, als ich zum Sieg gratulieren möchte, werde ich abschätzig gemustert, ok, das Verhältnis ist eindeutig klar, die Schotten mögen keine Engländer. Zu meiner Frage nach „Wifi“ bekomme ich eine Antwort, die ich auf Anhieb verstehe. „No, but I have a wife!“

8. Juli

Innerleighten – Edinburgh

70 Kilometer

Der heutige Tag hatte eine Erleuchtung für mich parat, doch dazu später. Es steht eine Bergetappe an, laut meinem Reiseführer eine der einsamsten Etappen der ganzen Route. Dementsprechend habe ich auch Unmengen von Proviant im Gepäck, man weiß ja nie! Früher als sonst mache ich mich auf den Weg und passiere auch das Zentrum von Innerleighten, das ich gestern zu Fuß nicht gefunden habe. Doch nach Sightseeing steht mir nicht der Sinn, immerhin stehen heute gleich zwei Gipfel an! Nachdem ich einen Golfplatz passiert habe, wird es ländlicher. Am Wegesrand taumelt eine Gestalt, etwas zerrissen schaut sie aus, ein Betrunkener von letzter Nacht? Ehe ich mir weitere Gedanken machen kann, taucht hinter mir ein Polizeiauto auf, nimmt die Gestalt auf und fährt mit Blaulicht an mir vorbei. Wenige Meter später treffe ich sie wieder, offensichtlich hat der junge Mann sein Auto gegen die Steinmauer gefahren und sucht unter Beobachtung der Polizei seine Sachen aus dem Wagen zusammen. Gut, dass nicht mehr passiert ist. Ich nehme derweil meinen ersten Gipfel in Angriff und hier kommt die Erleuchtung: Es gibt auch nette Berge! Denn obwohl es einige Höhenmeter sind, die bewältigt werden wollen, lässt es sich ganz prima fahren und ist nicht so anstrengend wie sonst. Was nicht so schön ist sind die zahlreichen toten Tiere, die ich dabei passiere, ob Hasen, Vögel oder Kröten – eine Galerie des Grauens. Können das alles Autofahrer gewesen sein? Soviel ist doch auf dieser Straße nicht los. Bald habe ich den ersten Gipfel erreicht, es geht kurz bergab und dann steht der zweite Gipfel an, der ebenso milde nach oben geht. Dann kann ich es laufen lassen, das Meer kommt wieder in Sicht, angeblich sieht man an einer Stelle auch Edinburgh, aber auf der Straße achte ich dann doch lieber auf den Verkehr und auf Schlaglöcher als auf gute Ausblicke. Die Landschaft wird wieder flacher und Edinburgh ist bereits ausgeschildert. Ich schaffe es trotzdem zweimal vom Weg abzukommen. In Schottlands Hauptstadt sind Massen von Menschen unterwegs, kein Wunder, es ist herrliches Wetter und Wochenende. Ich habe noch Zeit mich durch die Stadt treiben zu lassen, bevor ich meine heutigen Gastgeber von warmshowers aufsuche. Die Adresse von Jane und John gab mir schon Anlass zu Spekulation, dass es sich um eine gute Adresse handelt, doch auf so ein Anwesen im Herzen von Edinburgh war ich nicht gefasst. Ein tolles Haus mit eigenen Lift, ich darf allein die dritte Etage bewohnen und fühle mich wie in Downton Abbey. Abends gibt es ein gemeinsames Dinner mit den Nachbarn. Nur meine Teva-Sandalen passen nicht so recht ins Bild.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s